Calenberger Autorenkreis

      

Festrede von Friedrich Pape

zum 20-jährigen Bestehen des Calenberger Autorenkreises am 12. September 2015

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, wir Calenberger Autoren blicken heute auf zwanzig Jahre fruchtbarer Zusam­menarbeit zurück. Wir haben Sie bzw. Euch eingeladen, um unsere Dankbarkeit für langjährige Treue zu bekunden. Außerdem wollen wir zeigen, wie wir uns entwickelten, und   wie wir uns heute definieren. Literaten sind der Unabhängig­keit bedürftige   Individualisten, die - wenn ihnen das Fatum von frühster Ju­gend an wohlgesonnen   war - aus einem weitreichenden kulturellen Horizont zu schöpfen vermögen. Heinrich v. Kleist behauptet in seinem vielzitierten Essay die „Allmähliche   Verfertigung der Gedanken beim Reden", das die Ideen ihm im Dialog zuflögen. Das haben wir Calenberger Autoren durchaus verinnerlicht, sonst würden wir nicht hoffnungsvoll jeden Monat wieder zusammenkommen. Wir wissen allzu gut: Zu jeder von Freunden des Wortes entwickelten These findet sich bald eine Antithese, und die rhetorische Begabung, über die wir mehr oder weniger souverän verfügen, kann bei Diskussionen zur Klarheit bei­tragen, vermag aber auch Tatbestände zu vernebeln. Umso notwendiger ist das Vertrauen, das uns miteinander verbindet. Es ist über Jahre gewachsen, hat viel Bestätigung, aber auch Enttäuschungen erfahren und führte letztlich dazu, dass wir heute wagen, zuversichtlich nach vorn zu schauen. Absolute Offenheit er­scheint uns unabdingbar, obgleich sie schwer herzustellen ist. Daher empfinden wir die Forderung des Sokrates als ständigen Appell: „Sprich, damit ich dich se­he!"

Wir gründeten bewusst keinen Verein. Es gibt keine Hierarchie; organisatori­sche Pflichten sind auf mehrere Schultern verteilt; in unseren Reihen maßt sich niemand an, über andere zu herrschen. Sollte dennoch jemand dominieren wollen, hält er es bei uns nicht lange aus. Auch wer den Ring der Verlässlichkeit ignoriert, der uns umschließt, wird sich von uns bald wieder verabschieden. Im Juni 1995 haben Wilhelm Stenzel und ich diese Initiative gegründet. Schon we­nige Wochen danach hatten wir fünf weitere Mitstreiter gewonnen, und heute bekennen sich 11 aktive Autoren zu unserer Gruppe. Wir haben auch Fluktuati­onen hinnehmen müssen. Zwölf Mitglieder haben uns in den vergangenen zwanzig Jahren verlassen; stattdessen traten andere unserer Gruppe bei. Man­cher ging, weil er lähmender Einfallslosigkeit erlag oder weil er den Wohnort wechselte; andere brachten die Toleranz nicht auf, mit der sie ihren oft ganz anders gearteten literarischen Brüdern hätten begegnen sollen. Die Befürch­tung, ein anderer könnte erfolgreicher sein, die besseren Erzählungen, Essays oder Gedichte schreiben, hat so manchem in unserem Kreise das Leben vergällt und führte dazu, dass einige resignierten. Doch weise wäre es, für die eigene Leistung dankbar zu sein, die eigenen Grenzen zu akzeptieren, anderen ihren Erfolg zu gönnen, sich über andere nicht arrogant zu erheben und die gemein­same Arbeit nicht durch persönliche Empfindlichkeiten zu erschweren.

Seit den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts befassen sich die Philolo­gen mit den intertextualen Zusammenhängen aller Literatur. Starke Geister ziehen Epigonen nach sich. Vom Zeitalter des Perikies in Athen bis zur Gruppe 47 im vorigen Jahrhundert lässt sich nachweisen, dass das neu Heraufkommen­de von   den zwangsläufig schwindenden Vorgängern geprägt wurde. Wir wäh­nen uns unabhängig, spiegeln dennoch - wenn auch im neuen Gewände - die Gedanken und stilistischen Bestrebungen unserer Vorväter. Gegenseitige Anre­gungen führten zu fruchtbaren Epochen in der Kulturgeschichte. Doch immer wieder riss der goldene Faden ab, und lange Phasen der Stagnation waren die Folge. Erging es den Calenberger Autoren ähnlich? Dankbar stellen wir fest, dass auf gelegentliche Dürre stets reichlicher Niederschlag folgte.

Ursprünglich hat uns das Bedürfnis zusammengeführt, unsere Arbeiten durch gegenseitige Kritik stilistisch zu entwickeln. Das ist das wichtigste Anliegen ge­blieben. Hinzu kam ein zweiter Schwerpunkt: Als wir an die Öffentlichkeit gin­gen, wollten wir jene Hörer, die sich seit ihrer Schulzeit die Freude an der Lite­ratur bewahrt hatten, anregen, sich an die großen Geister unserer Kultur zu erinnern. Weil wir erfahren mussten, dass viele bedeutende Autoren nach kur­zer Zeit nicht mehr aufgelegt wurden, kämpften wir entschieden gegen das Vergessen. Heute bieten wir neben eigenen Texten etwa vierzig Referate und szenische Lesungen über die Weltliteratur an. In manchen Bibliotheken, Muse­en, Buchhandlungen, Kulturvereinen südlich von Hannover sind wir bekannt. In einigen Orten, wie in Linderte, Hemmingen oder Laatzen haben sich feste 'Gemeinden' gebildet, die beständig wachsen. Seit Anfang dieses Jahres strahlt der Sender Leinehertz auf UKW 106.5 unsere Beiträge aus, die wir dort selber vortragen.

Es wäre ein Irrtum zu glauben, Literatur vermittelte vorwiegend einen positiven Blick auf die Welt. Die Literatur ist tiefgründiger: Den Konflikten, die der Autor mit sich selbst hat und die er im gesellschaftlichen Umfeld erfährt, versucht er sprachlichen Ausdruck zu geben. Der Dichter Vaclav Havel, erster tschechischer Staatspräsident nach der Wende, erklärte in einem Interview: „Die meisten Au­toren schreiben, um die eigene Verzweiflung abzugeben und sie damit zu überwinden." Und Franz Kafka spricht einmal davon, dass die Literatur das Beil wäre, mit dem wir das gefrorene Meer in uns aufzubrechen versuchen. Michael Köhlmeier, der den Roman 'Zwei Herren am Strand' geschrieben hat, wurde von Journalisten gefragt, wieweit er sich an die historische Wahrheit gehalten habe; denn bei den prominenten Akteuren in seinem Werk handele es sich immerhin um Churchill und Chaplin. Er antwortete:

„Schriftstellerei hat etwas Unseriöses. Wir tun so, als ob wir in unsere Helden hineinsehen könnten. Ein Historiker darf das nicht. Ein Schriftsteller muss es.

Der Roman nimmt die Wirklichkeit auf und spielt mit ihr. Poesie, Drama, Erzäh­lung - in ihnen wird der Triumph der Möglichkeiten gefeiert. In diesem Fall: Zwei moderne Ritter streiten gegen Depression und Terror - das ist doch eine tolle Geschichte! Z. B. gelingt es Tolstoi in „Anna Karenina" über die Gedanken des Ljewin seine eigenen Reflexionen auszubreiten. Nicht der Autor, sondern die von ihm geschaffene Figur spricht." Soweit die Aussage Köhlmeiers.

Liebe Freunde, jede Erzählung ist weithin erfunden und sollte dennoch - durch  poetische Sprache erhoben - unser wechselvolles Leben abbilden, wenn sie vor der Kritik bestehen will. Was uns selber begeistert, abstößt oder eben um­treibt, übertragen wir auf selbstgeschaffene Individuen. Das Konstruieren dra­matischer Szenen von der Idylle bis hin zur Katastrophe haben wir von unsterblichen Poeten gelernt. Den großen Russen des vorvorigen Jahrhunderts - Tolstoi, Dostojewski, Puschkin - stehen die westlichen Autoren gegenüber: Di­ckens, Steinbeck, Hemingway, Maupassant, Hugo, Balzac, Thomas Mann, Böll, Walser, um nur wenige zu nennen. Einzigartig in der Kulturgeschichte sind die „Suche   nach der verlorenen Zeit" von Marcel Proust, der in einem riesigen Pa­norama das niedergehende Pariser Großbürgertum vor dem I. Weltkrieg abbil­det, und der „Ulysses" des James Joyce, dessen Roman von Homers Odyssee inspiriert worden ist. Sein Held Leopold Bloom durchwandert nur einen Tag lang Dublin, und auf tausend Buchseiten tut sich ein riesiges Feld des Allzu­menschlichen vor uns auf. Die wahrhaft bedeutenden Romanciers sind immer auch Philosophen, scharfsinnige Denker.

Um ganz zu erfassen, wie Erzählungen oder Romane aufgebaut und entwickelt werden, könnte als Leitbild das klassische Drama hilfreich sein. Harry Mulisch, der große niederländische Erzähler, teilt seinen vor kurzem erschienenen Ro­man 'Höchste Zeit' in fünf Akte ein und folgt damit der Vorgabe der altgriechi­schen Dramatiker. Sie erinnern sich gewiss aus dem  Deutsch-Unterricht: Im ers­ten Akt werden wir mit dem Personal vertraut. Wir lernen, die zentralen Figu­ren und ihre Gegner zu unterscheiden. Der zweite Akt bringt eine Steigerung der Handlung, die Charaktere stoßen aufeinander; der Konflikt spitzt sich zu, denn keiner vermag die eigene Position aufzugeben. Den Höhepunkt vermittelt der dritte Akt, der in einem spannenden Umschwung endet. Der vierte Akt zeigt eine Verlangsamung des Geschehens, und die Akteure hoffen, das Dilem­ma überwinden zu können. Endlich kommt es im fünften Akt zur Lösung, die den Liebenden in der Komödie das große Glück beschert, in der Tragödie dage­gen den Untergang des Helden bedeutet. Diese von den Griechen, denken Sie nur an Sophokles, Aischylos oder Aristophanes, dargestellte Steigerung menschlicher Konflikte überlebte zweitausendfünfhundert Jahre. Die größten Dramatiker Europas wie Shakespeare und Schiller haben sich an sie gehalten. Offenbar ist sie der menschlichen Natur angemessen. In vielen Romanen, Novellen, selbst in Kurzgeschichten finden wir immer wieder ein ähnliches Schema angewendet.

Eine besondere Stellung kommt der Lyrik zu. Es ist wohl kein Zufall, dass wir  Calenberger Autoren unseren Einsatz für die Weltliteratur zunächst 'Lyrikreihe' genannt haben. Hier feiert die Sprachästhetik hohe Triumphe. Sie steht mit Rhythmus und Reim der Musik sehr nahe, was sich besonders im Kunstlied zeigt, das aus der Zusammenführung von Wort und Klang entsteht. Es war ein kulturhistorischer Glücksfall, dass die Verse der Romantiker begnadete Kompo­nisten wie Schubert, Brahms oder Reger zu wunderbaren Klängen inspirierten. In dieser Hinsicht hatte hundert Jahre zuvor J.S. Bach mit  Kantaten und Passio­nen schon beispielgebend gewirkt. Ein Gedicht kommt oft   so leichtfüßig daher und ist doch die Frucht höchster Konzentration. Darum erfordert die Lyrik nachvollziehendes Lesen. Verse - ob gereimt oder ungereimt - erschließen sich erst nach mehrfacher gründlicher Lektüre.

In der knapp bemessenen Vortragszeit konnte ich nur andeutend jene Magie erwähnen, die von den befruchtenden Musen Kalliope und Euterpe hervorge­bracht wurde. Ich hoffe, damit einigermaßen beschrieben zu haben, was uns Autoren bewegt und antreibt. Von ganzem Herzen wünsche ich meinen Calen­berger Freunden und mir, dass wir weiterhin einträchtig und geduldig mitei­nander umgehen, in Krisen, die sich leider nicht immer vermeiden lassen, treu zueinander stehen, und das gegenseitige Vertrauen keinen Schaden nehmen möge. Bei dieser Veranstaltung vertrete ich die Calenberger Autoren zum letz­ten Mal öffentlich. Zwanzig Jahre habe ich den Karren gezogen, das ist genug. Drei unserer Kollegen, die sich durch Sensibilität für das poetische Wort, flexib­len Intellekt und großen Einsatzwillen auszeichnen, werden an meine Stelle tre­ten. Es sind (in alphabetischer Reihenfolge): Prof. Jörg Hartung, Uwe Märtens und Wolfgang Nieschalk. Ich hoffe, dass sie rege miteinander kommunizieren, um künftigen Aufgaben gewachsen zu sein. Dankbar für viele glückliche Jahre und gutes Einvernehmen gebe ich an sie die Verantwortung ab, werde aber weiterhin hochmotiviert in der Gruppe mitarbeiten.

Jetzt freue ich mich darauf, poetische und gewiss auch geistreiche Beiträge meiner Kollegen zu hören, be­vor wir danach zum lukullischen Teil des Abends übergehen.