Calenberger Autorenkreis

      




Prosatexte und Gedichte von Cornelia Poser



Beitrag zur Winterlesung am 18.2.18

Um „Sand“ geht es heute in meinen beiden Beiträgen.

Sand hatte für mich schon immer eine große Bedeutung und hat es heute noch. An einem Strand zu stehen, mit den Füßen im Sand - in einer Düne zu sitzen und den Sand durch meine Finger gleiten zu lassen… es gibt kaum etwas Schöneres und Entspannenderes für mich. Ich betrachte die Körnchen, wie sie im Sonnenlicht glitzern und leicht durch die Luft auf meine Beine rieseln. Und ich versuche gedanklich ein Einzelnes zu erfassen. Was steckt alles in solch einem kleinen Sandkorn?

Hören Sie zuerst ein Gedicht: das Besondere an der von mir gewählten Form - die ursprünglich aus Malaysien kommt und die man „Pantun“ nennt - ist, dass sich die kurzen Zeilen rhythmisch wiederholen. Jede Strophe hat vier Zeilen von denen die zweite und vierte Zeile in die erste und dritte Zeile der nächsten Strophe übernommen werden. Inhaltlich entsteht auf diese Weise eine sich fortspinnende Assoziationskette, die sich aber am Schluss zu einem Rund formt, denn die drittletzte und auch die letzte Zeile sind identisch mit den des Anfangszeilen.

In meinem Gedicht heißen diese beiden wichtigen Zeilen: Korn in weißem Sand – und – liegt in meiner Hand -

Sandkorn

1

Korn in weißem Sand

Unter tausend klein

Liegt in meiner Hand

Wie viel Zeit kann sein

3

Viele Jahre alt

Winzig Glitzerkleid

Letzter Aufenthalt

Trug das Meer so weit

5

Sand der Lebensuhr

Weht der Wind dahin

Zeigt der Schritte Spur.

Weiß ich wer ich bin

2

Unter tausend klein

Viele Jahre alt

Wie viel Zeit kann sein

Letzter Aufenthalt

4

Winzig Glitzerkleid

Sand der Lebensuhr

Trug das Meer so weit

Zeigt der Schritte Spur

6

Weht der Wind dahin

Korn in weißem Sand

Weiß ich wer ich bin

Liegt in meiner Hand


Nun kommen wir zu meiner Geschichte die „Elbsand“ heißt. Es ist einige Jahre her, da machte ich zum ersten Mal bei einem Schreibwettbewerb mit. Das vorgegebene Thema hieß dabei „Sieg und Niederlage“. Ich dachte über die Siege in meinem Leben nach, aber auch über die Niederlagen. Davon gab viele, mehr als Siege. Soll man darüber wirklich schreiben? Ich wanderte in Gedanken zurück in meine jungen Jahre, dann in meine Jugend und in meine Kindheit. Wann hatte das eigentlich angefangen, das mit den Siegen und vor allem das mit den Niederlagen. Wann hatte das angefangen, dass ich der Macht, die an mir ausgeübt wurde, nicht mehr laut und schreiend widerstand? Und wann war das überhaupt losgegangen? Dieses Gekämpfe um das eigene Ich, um die individuelle Persönlichkeit? Das Durchsetzenwollen der eigenen Träume und Wünsche. Und ich ging in Gedanken weiter zurück und immer weiter und landete letzendlich im Jahr 1953 – am Strand der Elbe in Hamburg. Ich bin ein sehr kleines Mädchen, das noch nicht weiß, was Niederlagen sind und das die Welt und vor allem den Sand darin, mit allen Sinnen begreifen möchte.

Elbsand

Hanna sitzt im Gras. Das Gras reicht ihr bis über den Kopf. Eine schöne grüne Höhle ist das. Hanna lugt durch die Halme. Dahinter sind noch mehr Halme, die alle aufgeregt hin und her tanzen. Hanna schaut nach oben und wird geblendet, dass sie die Augen zukneifen muss, bis es nicht mehr so weh tut. Das Licht heißt Sonne. Die Sonne schickt ihr Licht und ihre Wärme zu Hanna herab in die Höhle. Hier unten ist es deshalb ganz sommerwarm. In Hannas Höhle ist es gemütlich. Die Grashalme unter ihrem Po pieken nicht mehr, sie hat sie mit ihrer Hose platt gesessen. Sie sitzt mit ausgestreckten nackten Beinen da und guckt. Die Beine sehen weiß aus, haben kleine Falten, da am Knie und etwas weiter oben. Sie tippt mit ihrem Zeigefinger auf eines der Fältchen und fährt dann mit dem Finger über das Bein, so dass es im Bein und im Finger kribbelt. Die Füße sind nicht zu sehen, sie stecken in weißen Strümpfen und braunen Schnürschuhen, die ziemlich drücken, so fest sind sie zugebunden. Hanna guckt wieder nach oben. Jetzt ist es dort ganz blau. Wo ist die Sonne wohl hingeflogen? Das will Hanna wissen. Sie versucht aufzustehen. Das geht nicht so leicht hier in der Höhle. Ihre Hände greifen in das hohe Gras, ziehen Hanna nach oben, bis sie steht. Sie ist jetzt größer als die langen Halme und kann über deren Spitzen hinweg sehen. Ach, da ist auch die Sonne wieder. Sie ist gar nicht weit geflogen und scheint jetzt noch viel heller als eben.

Hanna schaut auf das große Glitzerwasser, das Mama „Elbe“ nennt. „Wir gehen an die Elbe“, sagt sie immer, bevor sie Hanna in die Karre setzt. Die Elbe wackelt und glitzert und an ihrem Ufer liegt der weiße Sand. Hanna liebt den Sand. Jetzt will sie zu ihm und läuft los. Ihre Hände greifen in die hohen Halme und schieben sie nach rechts und links. Das kitzelt so schön, dass Hanna einen lauten Jauchzer ausstößt. Ihre Schuhe stapfen und versuchen Halt auf dem unebenen Boden zu finden. Nur noch ein paar Schritte, ein letztes Wegschieben der Halme und die große Weite des Strandes liegt vor Hanna. Kein hohes Gras mehr, nur noch weißer Sand.

Hanna lacht, schaut und entdeckt ein gutes Stück entfernt ihre Mutter. Mama. Die sitzt auf einer Decke und guckt in ein Buch. Sie ist weit weg und sieht sehr klein aus. Hannas Schwester Tina ist auch da. Sie ist auch ganz klein. Trotzdem kann Hanna genau erkennen, was sie tut. Tina läuft gerade mit einem roten Eimer los, füllt ihn mit Glitzerwasser und rennt zurück zur Decke. Zu schnell, das Wasser hüpft aus dem Eimer heraus. „Wie doof!“ ruft Tina und läuft schon wieder zum Ufer, um den Eimer neu zu füllen. Beim zweiten Mal hält sie ihn gut fest und geht etwas langsamer, den Körper zur Seite geneigt, es schwappt nur noch ein bisschen Wasser heraus. „Mama, guck!“ lacht sie. „Schön, Tina!“ murmelt Mama und guckt in ihr Buch. Tina schüttet jetzt mit einem Förmchen Sand in das Eimerwasser und mischt sich Matsch. Mit der klebrigen Masse beschmiert sie dann ihre Arme und Beine. Tina mag Matsch.

Hanna mag den Sand lieber, wenn er ohne Wasser ist, weich, trocken und schön rieselig. Vom vielen Gucken hat sie gar nicht auf ihre Beine geachtet, ist umgefallen und sitzt nun wieder auf ihrem Po. Mama aber legt jetzt die Hand über die Augen und sieht zu ihr herüber: „Hanna! Da bist du ja! Komm mal her, dann ziehe ich dir die dicken Schuhe aus.“ Oh, ja, das möchte Hanna! Dann können die Füße sich endlich in den Sand wühlen. Sie rappelt sich auf, bis sie wieder steht. Sie läuft los, aber es scheint, als sei Mama nun noch weiter weg als eben. Wenn sie zu ihr käme, dann könnte Hanna sich beim Laufen am blauen Kleid festhalten. Hanna bleibt stehen und wartet einen Augenblick, aber das blaue Kleid kommt nicht. Hanna muss selber los. Sie schaut nach unten, wie ihre Füße stapfen. Kleine weiße Sandberge rutschen umeinander. Hanna sinkt ein, sie wackelt hin und her, aber sie fällt nicht. Und Mama sitzt da auf ihrer Decke, sieht ihr entgegen und lacht. Kurz bevor Hanna sie erreicht hat, steht Mama doch auf, streckt die Hände nach ihr aus und nimmt sie dann, mit einer schwungvollen Drehung durch die Luft hoch und in ihre Arme.

Mama riecht heute wieder gut. Sie hat ihre Haut mit der Creme aus der grünen Flasche eingeschmiert. Hanna schnuppert an Mamas Hals. Sie schnuppert gerne an Mamas Hals. Mama läuft mit Hanna zur Decke, setzt sie darauf ab und kniet sich neben sie. Sie löst das Schuhband und zieht einen Schuh, dann den Strumpf von Hannas Fuß. Dann löst sie das Band vom zweiten Schuh und auch der zweite Strumpf fliegt auf die karierte Decke. Mama nimmt Hannas Füße in ihre großen Hände und reibt sie. Das macht sie, damit die Füße gleich gut laufen können. Mama kniet dicht vor Hanna und riecht gut: „So, dann mal los!“, sagt sie, „Aber keinen Sand essen! Sand essen ist ganz bäh!“, richtet sich auf und ist plötzlich wieder ganz groß. Ihre Augen werfen noch einen prüfenden Blick von oben auf Hanna herab und drehen sich dann weg. Tina beschmiert sich weiter mit Matsch.

Hanna will nun endlich richtig laufen, will dahin, wo der Sand gestern so wunderschön weich war. Sie steht jetzt und ihre nackten Fußsohlen fühlen endlich den Sand. Plötzlich laufen ihre Beine los. Der Sand schmiegt sich sanft zwischen ihre Zehen. Das fühlt sich gut an und Hanna jauchzt und ihre Füße jauchzen auch. Und sie laufen jetzt auch nicht mehr, sie rennen, schneller und immer schneller, fast fliegen sie. Plötzlich reißt Hanna ihre Arme nach oben, lacht laut auf und wirft sich in den Sand. Das ist schön. Ja, das mag sie sehr. Und der Sand mag das auch. Hanna kugelt sich im Sand umher, dreht sich so lange um und um, bis sie endlich sitzt. Dann sieht sie hinaus auf das Glitzerwasser, wie die winzigen Schiffchen aneinander vorbei ziehen, von hier nach dort und von dort nach hier. Manchmal tutet eins leise. Und um sie herum ist der Sand, weich, trocken und schön rieselig.

Hanna schaut zu ihren Füßen. Dort kleben jetzt viele, viele kleine Sandkörnchen. Und rechts und links fühlen auch schon ihre beiden Hände den Sand. Sie greifen hinein, schließen und heben sich. Lautlos rieseln die Körnchen durch Hannas Finger, regnen auf ihre nackten Beine herab. Zwischendurch bewegen sich ihre Hände auch zum Mund und stecken den Sand hinein. Er schmeckt so wie gestern, warm, weich und krümelig, knirscht schön zwischen den Zähnen. Das mag Hanna. Das mag sie sogar sehr! Sie probiert noch eine Hand voll und noch eine. Vor ihr fließt das Wasser der Elbe, über ihr glitzert die Sonne und in ihrem Mund knirscht herrlich der Sand.

„Hanna!“, ruft plötzlich eine Stimme. „Du sollst keinen Sand essen!“ Das ist Mamas Stimme. Hanna soll keinen Sand essen, das sagt Mama jeden Tag, wenn sie hier sind. „Spuck sofort den Sand aus!“ ruft Mama. Ihre Stimme klingt ganz hoch und schrill. Warum soll sie ausspucken? Mama weiß wirklich nicht, wie gut das schmeckt! Hannas Hände greifen zu und schieben noch eine Ladung Sand in den Mund. „Hanna, lass das! Der Sand schmeckt doch nicht! Bäh!“ Was redet Mama da? Der Sand schmeckt prima und knirscht so schön im ganzen Kopf. Hanna greift erneut zu, kaut und schiebt die Körnchen mit der Zunge durch den Mund. Eine kleine glückliche Weile.

„Jetzt ist aber Schluss!“ Mama steht plötzlich ganz groß neben Hanna und macht, dass alles nicht mehr so hell ist. Aus ihrem Mund kommen viele laute Wörter, die Hanna nicht versteht und die nicht schön klingen. Sie weiß, wenn solche Wörter aus Mamas Mund kommen, ist sie böse, wie die Hexe im Bilderbuch. Mama ist nicht das erste Mal böse. Jetzt bückt sie sich auch noch und kommt mit ihrer großen Hand auf Hannas Gesicht zu. Dann steckt sie plötzlich ihren dicksten Finger in den kleinen Mund und popelt „Igittigitt!“ den Sand heraus. Hanna wehrt sich, schüttelt den Kopf hin und her, schmeißt sich auf den Rücken, wälzt sich herum, tritt - und dann - beißt sie Mama schnell in den Finger. Sie soll ihr den Sand nicht wegnehmen! „Aua“, schreit Mama und der gebissene Finger und die anderen Finger der Hand klatschen hart auf Hannas Po. Aua. Mamas Gesicht sieht jetzt wirklich gar nicht mehr hübsch aus, ihr Mund ist ein schwarzer Strich und die Haare stehen ihr vom Kopf ab - und sie riecht auch gar nicht mehr gut. Hanna schreit. Klatsch, noch eins auf den Po! Mama macht das jedes Mal! Aber das macht Hanna nichts aus. Und deshalb schreit sie, weil es ihr gar nichts ausmacht. Es tut nur weh!

Da packt Mama sie auf einmal, klemmt sie unter ihren Arm, dass Hannas Bauch eingequetscht wird und das Schreien nicht mehr aus ihrem Mund herauskommen kann. Mama geht mit ihr zur Decke. Hanna strampelt und tritt um sich. Mama setzt Hanna hart auf die Decke und zerrt die Strümpfe an ihre Füße und dann die Schuhe. Sie schnürt die Schuhbänder zu, wieder zu fest! Hanna schreit. Sie schreit laut. Da hinten liegt ihr schöner Sand, der auf sie wartet! Der schöne Sand! Sie schreit noch lauter und fühlt dabei mit der Zunge in ihrem Mund herum. Alles hat der dicke Finger nicht erwischt. Wie gut, dass sie rechtzeitig zugebissen hat. Im Mund knirscht es immer noch ganz schön. Da kann sie eigentlich sogar aufhören zu schreien.

Mama sagt plötzlich auch laute Wörter zu der vollgematschten Tina: „Wie siehst du denn aus! Es reicht jetzt, wir gehen nach Hause - pack die Sachen ein!“ Da guckt Tina Hanna plötzlich mit ganz kleinen Augen an: „Du Blöde!“, sagt sie und boxt Hanna gegen den Bauch, dass die umfällt. Mamas Hand klatscht jetzt auch auf Tinas Po. Tina schreit. Hanna schreit auch. Dann spuckt Tina in den Sand und pfeffert mit Wucht den roten Eimer und die Förmchen in die Tasche. Mama schimpft vor sich hin und schüttelt die karierte Decke aus. Sandkörnchen fliegen! Tina schüttelt die Tasche hin und her, dass der Inhalt scheppert und Mama stöhnt jetzt und sagt: „Morgen bleiben wir Zuhause.“ Das sagt sie auch fast jeden Tag. Dann hängt Tina die große Tasche über ihre Schulter und Mama klemmt Hanna wieder unter ihren harten Arm. So gehen sie zur großen Steintreppe, wo die Karre steht.

Hanna strampelt, bis ihr Kopf nach unten hängt und sie sehen kann, wie der weiße Sand um Mamas und Tinas Beine tanzt. Da jauchzt sie laut auf, denn sie weiß, dass Mama morgen wieder lachen wird, sie wieder in die Karre setzen wird und sagen wird: „Wir gehen an die Elbe!“ Und dann wird Hanna wieder im trockenen weißen Sand sitzen und viele Hände voll davon in ihren Mund stecken!


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