Calenberger Autorenkreis

      





Prosatexte und Gedichte von Cornelia Poser

 


Wir Träumer

Als wir in wiesengrüne Himmel sanken

an jenem wunderheißen Sommertag,

als staunend ich an deiner Seite lag

und meine Hände suchten dein Gedanken,

 

da sah ich Zukunft kühn ums Blattwerk ranken,

ein frecher Wind trieb mit den Herzen Spiel,

sah deinen Schatten, der auf Worte fiel,

und Schwaches ließ das Starke da noch wanken.

 

Wir küssten Blicke uns auf Hals und Wangen

als alte Lieder brachen durch das Laub

und hoch im Dunkel stürzte Sternenstaub,

herab auf uns, die Träumer zu umfangen.

(2013/2016)


 

Zu viele Fragen

 

Wird zum Bild dir was ich sehe

werd ich spüren wenn du stehst

wird dich häuten meine Nähe

und mein Zittern wenn du gehst?

 

Wirst du halten was ich trage

werd ich weinen wenn du klagst

wirst du hören meine Frage

und mein Lachen wenn du wagst?

(2013)


 

Der Seehund – 1954    

Der offene Leiterwagen rumpelt über die schmale Holzbrücke, die seit Kurzem die Insel mit dem Festland verbindet. Vor den Wagen ist eine Kuh gespannt, die langsam alles hinüberzieht und als sie drüben ist, mit ihrer Last den schmalen Sandweg entlang trottet. Sie hat schwer zu ziehen und kommt nur langsam voran. Auf dem Kutschbock des Leiterwagens sitzt gebeugt ein Mann mit einer Schirmmütze auf dem Kopf. Ab und zu ruft er: „Ho-ho“ oder „hü!“ und schlägt mit der Peitsche auf den Rücken der Kuh ein, dass es nur so knallt. In dem Leiterwagen sitzt Hanna, zusammen mit den anderen und all den Koffern, die sie mitgenommen haben. Die Kuh wird den Wagen jetzt ans Meer ziehen, so haben es die Erwachsenen gesagt und das Meer nennen sie Ostsee. Hanna hat das Meer noch nie gesehen. Bevor sie in den Zug gestiegen sind, hatte der Vater gesagt: „Das Meer ist wie eine große Badewanne ohne Rand.“

Über dem Leiterwagen wölbt sich leuchtend blau das Himmelsdach und an ihm hängen und schaukeln viele weiße Wattewolken. Das Land neben den großen Holzrädern des Wagens ist grün und baumlos. Kein einziger Strauch, weit und breit nur Gras. Das Gras steht hoch. Der Sommerwind weht warm darüber und biegt die Halme zur Seite. Durch den Himmel schießen in großen Kurven, laut schreiend, weißgraue Vögel mit gelben Schnäbeln. Hanna schnuppert in die Luft. Es riecht hier anders als Zuhause. In der Ferne sieht sie viele, sehr kleine Häuser in einer langen Reihe stehen.

„Da vorn, wo die Häuser sind, ist auch das Meer“, ruft die Mutter und zeigt mit der Hand über den Kutscher und die Kuh hinweg. Ihr schwarzes Haar weht unter dem bunten Kopftuch hervor im Wind. Der Leiterwagen rumpelt weiter über den steinigen Sandweg. Die kleinen Häuser kommen langsam immer näher und scheinen dabei zu wachsen, werden größer und größer, bis sie am Ende so groß sind, dass man tatsächlich hineingehen und wohl auch darin wohnen kann. Der Leiterwagen biegt jetzt um einen großen Sandberg und hält dann vor einem der Häuser.

„So!“, sagt der Kutscher und dreht sich nach hinten um, „Aussteigen!“ und der Vater ruft lachend: „Wir sind da!“ Er springt vom Leiterwagen. Ein Kind nach dem anderen hebt er aus dem Wagen und setzt es vorsichtig auf den sandigen Boden, bis seine drei Mädchen vor ihm stehen und sich staunend umsehen. Auch der Mutter hilft er vom Wagen herab. Sie trägt das Baby auf dem Arm, das seit kurzer Zeit mit zur Familie gehört. Aus dem Haus kommt eine Frau gerannt. Sie lacht und schiebt einen leeren Kinderwagen vor sich her. „Hallo und Willkommen auf Graswarder!“, ruft sie fröhlich und nimmt Vater und Mutter in ihre Arme. Dann legen die Frauen das Baby in den Kinderwagen und schieben es durch den Sand zum Haus. Der Vater aber geht mit seinen kleinen Töchtern um das Haus herum, direkt ans Meer.

Der weiße, trockene Sand, durch den sie stapfen, kriecht von allen Seiten in Hannas Sommerschuhe, die viele Luftlöcher haben. Und dann sind sie auch schon da. Weit erstreckt sich das Wasser vor ihnen. Nur Wasser überall. Hanna hält ihre Puppe Hansi im Arm und staunt.  

„Guck Hansi, so viel Wasser!“, sagt sie und hält die Puppe in die Luft. Nicht einmal die Elbe ist so groß! Dunkelblau, nein, dunkelgrün, oder doch blau, rollt das Meer ganz langsam heran. Dabei glitzert es. Kleine weiße Schaumkrönchen werden ans Ufer getragen. Sie laufen im Sand aus, bis fast alle kleinen Schaumbläschen geplatzt sind. Dann fließen die Wellen wieder zurück ins Meer, verschwinden und kommen nach kurzer Zeit wieder. So atmet das Meer ein und aus. Hanna legt die Puppe in den trockenen Sand und läuft dorthin, wo er feucht ist und das Wasser die kleinen Steine und das grünbraune Gestrüpp geduldig ableckt und überspült.

„Ihr könnt die Schuhe ausziehen“, sagte der Vater, „aber nicht ganz hineingehen. Das machen wir erst in ein paar Tagen.“ Hanna streift ihre Sandalen ab, wühlt ihre Füße in den Sand hinein und geht dann langsam auf das Wasser zu, bis eine Welle herangeschwappt kommt und ihre Füße kalt und nass macht. Sie springt zurück und lacht. Die Welle rollt hinter ihr her, will sie fangen und ablecken, aber Hanna ist schneller. Vorsicht Welle, da liegt Hansi im Sand! Mach ihn nicht nass!“ Da wird die Welle plötzlich langsamer, hält an und kehrt wieder um, Richtung Meer. Die Puppe bleibt trocken. Hanna lacht und läuft hinter dem Wasser her. Es spritzt, als sie es eingeholt hat und hineinspringt. „Hanna, nicht weiter hinein!“, ruft der Vater und Hanna bleibt stehen. Glücklich schaut sie in die Weite hinaus, während das Wasser ihre Knöchel umspielt.

Am Abend machen sie einen Spaziergang, alle zusammen. Hanna hat ihre Puppe mitgenommen. Sie laufen am Ufer entlang durch den weißen, warmen Sand, vorbei an den Häusern, bis hinter das letzte und dann noch weiter und immer weiter. Links von Hanna atmet das Meer, rechts von ihr weht der Wind über die niedrigen, grasbewachsenen Dünen.

Plötzlich sieht Hanna etwas vor sich. Liegt da jemand im Sand? „Da liegt jemand!“, ruft sie und der Vater bleibt stehen, weil er es auch gesehen hat. „Haltet mal an!“, ruft er und alle bleiben stehen. „Ich schau mal nach, ihr wartet hier“, sagt er jetzt und geht langsam in Richtung des Etwas, das dort grau und groß im Sand liegt. Als er zurückkommt sagt er: „Da liegt ein toter Seehund.“ Ja, die Kinder dürfen etwas näher herangehen, aber nicht zu dicht, denn der Seehund scheint schon länger dort zu liegen.

Vorsichtig nähert sich Hanna dem Tier. Es liegt da, mit geschlossenen Augen und sieht aus, als ob es schläft. Aber um sein Maul herum surren viele kleine schwarze Fliegen und der Wind hat den Schwanz und die stummeligen Flossen schon halb mit Sand bedeckt. Der Seehund bewegt sich nicht. Ganz still liegt er da. „Er bewegt sich nicht“, sagt Hanna und der Vater antwortet: „Er ist ja auch tot. Der bewegt sie nie mehr. Man sollte ihn hier im Sand eingraben und beerdigen.“

In den Sand eingraben? Dann kommt er ja nie mehr raus, denkt Hanna. „Kommt Kinder, wir gehen zurück!“, ruft der Vater und zeigt in Richtung Westen, wo jetzt gerade die Sonne untergeht, ganz orange, wie eine große Apfelsine. Immer wieder muss Hanna sich auf dem Rückweg umsehen, so lange, bis sie den toten Seehund nicht mehr sieht. Aber auch danach verschwindet er nicht aus ihrem Kopf. Dort liegt er immer noch und bewegt sich nicht. Hanna drückt ihre Puppe an sich.

Ein paar Tage später, an einem Nachmittag, dürfen die Kinder am Strand spielen. „Aber passt auf, und geht nur mit den Füßen ins Wasser!“, sagt die Mutter und legt das Baby in den Kinderwagen. Hanna schnappt sich ihre Puppe und läuft zum Wasser. Dort stehen in einer langen Reihe kurze Baumstämme. Sie stehen dicht nebeneinander, vom Strand bis weit hinein ins Wasser. Wellenbrecher sind das, sagen die Erwachsenen. Hanna ist klein und passt genau zwischen zwei Stämme, kann hindurchgehen. Als sie dazwischen steht, legt sie die Puppe auf einen Stamm und stützt sie sich dann rechts und links mit den Armen ab. Sie hebt die Beine hoch und sieht unter sich das gurgelnde Meerwasser. Sie schaukelt jetzt, schwingt die Beine vor und zurück und lacht. Das macht Spaß! Aber plötzlich rutscht sie ab und liegt im Wasser. Die Hose ist nass.

Hanna greift nach Hansi und läuft zum Haus. Die Mutter kommt heraus. „Hanna, was hast du gemacht? Ihr sollt doch nicht ins Wasser! Komm mit, du musst eine trockene Hose anziehen!“, sagt sie. Nach kurzer Zeit kommt Hanna wieder aus dem Haus gerannt, mit trockener Hose. „Pass jetzt aber auf, auch dass Hansi nicht nass wird!“, ruft die Mutter hinter ihr her. Natürlich wird Hanna aufpassen! Sie lacht und läuft zum Wasser, zu den Holzstämmen. Das Schaukeln hatte so viel Spaß gemacht. Wenn sie es jetzt noch einmal probiert, wird sie wirklich aufpassen und nicht nass werden. Und auch auf Hansi wird sie aufpassen, legt ihn wieder auf einen Holzstamm. Dann geht sie zwischen die Stämme, stützt sich ab, schaukelt und lacht, bis sie wieder abrutscht. Die Puppe ist aber trocken geblieben und so läuft Hanna mit ihr zum Haus, vor dem die Mutter schon steht und auf sie zu warten scheint.

„Hanna! Schon wieder! Was soll ich bloß mit dir machen! Kannst du denn nicht aufpassen? Die anderen passen doch auch auf und haben keine nassen Hosen!“ Die anderen schaukeln auch nicht, denkt Hanna, aber sie sagt nichts. „Ich habe nur noch eine trockene Hose für dich“, sagt die Mutter, „wenn die nass wird, musst du ins Bett und zwar ohne Abendbrot und so lange, bis alles wieder getrocknet ist.“ Wieder gehen sie zusammen ins Haus, nach oben in das Zimmer und Hanna bekommt die letzte trockene Hose angezogen. Sie springt mit ihrer Puppe die Treppe hinunter, hinaus aus dem Haus und zum Wasser. Jetzt wird sie noch besser aufpassen beim Schaukeln und bestimmt nicht ins Wasser fallen und nass werden.

Weit hinten sieht sie die Holzstämme. Geduldig stehen sie da und scheinen zu rufen: Hier sind wir. Wir freuen uns, wenn du zwischen uns schaukelst. Hanna läuft zu ihnen und betrachtet sie. Wie gerne würde sie zwischen sie treten und ein klein wenig schaukeln, nur ganz leicht. Sie würde jetzt auch wirklich sehr gut aufpassen, noch besser als vorhin. Nein, sie wird bestimmt nicht abrutschen und ins Wasser fallen. Sie legt ihre Puppe auf einen Holzstamm und stellt sich dicht daneben zwischen zwei Stämme, stützt sich ab und schwingt vor und zurück, ganz vorsichtig. 

Plötzlich kreist über Hannas Kopf eine Möwe. Sie kreischt und umrundet die Puppe auf dem Stamm. Hanna greift nach der Puppe, rutscht ab und fällt ins Wasser – und Hansi auch. Hanna fischt die Puppe aus dem Wasser. Aus ihren Wollhaaren, aus seiner Stoffhose und aus dem Pappmascheegesicht tropft es.  Hanna läuft zum trockenen Sand, hält die Puppe am Bein fest und schleudert sie durch die Luft, damit sie trocknet. Langsam geht sie dann auf das Haus zu. Die Puppe hängt und tropft kopfüber in ihrer Hand. Die Mutter erwartet sie schon. Sie schnappt sich Hansi und wringt ihn aus. „Ob wir den wieder hinkriegen…“, sagt sie und legt ihn auf die Treppenstufe. Dann nimmt sie wortlos Hannas Hand und zieht sie die Treppe hinauf ins Zimmer. Sie zieht ihr die nasse Hose aus, schlägt die Bettdecke zurück und sagt: „Das war’s für heute!“ Und dann geht sie aus dem Zimmer. Hanna sitzt im Bett. Sie schaut aus dem Fenster. Weit hinten geht die Sonne gerade unter. Wie eine riesige, orange Apfelsine sieht sie aus, wie eine, die ganz langsam durch den Himmel rollt und irgendwann ins Meer rutschten und nass werden wird. Und Hanna denkt an ihre nasse Puppe und auch an den grauen Seehund am Strand.

Am nächsten Tag liegt die Puppe immer noch auf der Treppenstufe. Sie ist auch immer noch sehr nass, denn in der Nacht hat es geregnet. Irgendwann nimmt die Mutter sie hoch und sagt: „Die Puppe hat ein Pappgesicht und Holzwolle im Kopf, die wird nicht mehr trocknen.“ Und dann ist Hansi auf einmal verschwunden und Hanna weiß nicht, wohin.

„Wo ist Hansi?“, fragt sie ein paar Tage später. „Der ist so nass und wird auch nicht mehr trocken. Den müssen wir hier lassen“, sagt der Vater. „Hierlassen?“ fragt Hanna. „Ja, hierlassen, wir können ihn ja im Sand vergraben.“ Hanna sieht den Vater erschrocken an. Vergraben? So wie den Seehund?

Der Vater führt Hanna hinter das Haus. Dort liegt im Sand die nasse Puppe. Ihre Haare sind verklebt und das Gesicht ist verrutscht und eingedellt. Ein paar Fliegen surren herum und eine setzt sich irgendwann auf das zerdrückte Puppengesicht. Hanna will Hansi holen, aber der Vater sagt: „Nicht anfassen!“ Er greift nach Hannas Hand und führt sie zurück zu den anderen. In der Nacht, als Hanna schläft, vergraben die Eltern die nasse Puppe im Sand.

Zu ihrem vierten Geburtstag, ein paar Monate später, bekommt Hanna eine neue Puppe, eine aus Zelluloid, die gut trocknet, wenn man sie ins Wasser fallen lässt. Aber sie ist hart und das mag Hanna nicht. Und manchmal denkt sie an das Meer, an den Seehund und an den im Sand liegenden weichen Hansi mit seinem zerdrückten Puppengesicht. 


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