Calenberger Autorenkreis

      

Cornelia Poser - Leseproben


Wandlung

Nun fallen Schatten, Schalenträume,

verhängte Spiegel, Fleckenlicht,

sie brechen trocken Schicht um Schicht

von deiner Seele, blättern Räume

zum neuen Ich. Noch liegt es nicht -

- ganz frei. Doch wisse, nach dem Ringen,

getragen von der Sonne Schein,

gleich einem Vogel wirst du sein,

mit starken, weiten Federschwingen

den Raum zu teilen - er ist dein.

 

 *   *   *   *   *


Bruder und Schwester 

Kein Märchen, sondern wie es wirklich war

Ich bitte Sie, Herr Grimm, nun lassen Sie mich doch endlich einmal zu Wort kommen. Ihre Darstellung der Ereignisse mag die Menschen ja vielleicht über die letzten Jahrhunderte als Märchen unterhalten haben, aber der Wahrheit entspricht sie nun wirklich nicht, das wissen Sie doch selbst. Ich möchte das jetzt endlich richtig stellen. Sie können gerne zuhören, aber unterbrechen Sie mich bitte nicht!

Ich bin der Bruder!

Unsere Mutter starb, als ich gerade über den Tischrand gucken konnte und meine Schwester schon im Haushalt helfen musste. Unser Vater heiratete bald wieder und diese neue Frau brachte eine Tochter mit. An die erinnere ich mich noch gut, sie war kaum älter als ich, konnte aber nicht richtig laufen und auch nicht sprechen. Unsere neue Mutter bevorzugte ihre leibliche Tochter. Sie gab ihr immer zuerst und die leckersten Bissen, während wir nur die Reste bekamen. Außerdem musste meine Schwester die Stiefschwester pflegen, füttern und anziehen und ihr täglich Geschichten erzählen. Das fiel ihr nicht schwer, denn sie hatte viel Phantasie und dachte sich gerne Geschichten aus. Aber wenn man dazu gezwungen wird, und das immer wieder, fällt einem irgendwann nichts mehr ein und die Worte bleiben im Halse stecken. Wenn mein Vater nicht im Haus war, schlug die neue Mutter meine Schwester auch. Die wehrte sich nicht und ich war zu klein, um etwas dagegen tun zu können.

Einmal, als meine Schwester wieder leise weinend in der Zimmerecke hockte, erzählte ich alles meinem Vater, als er abends nach Hause kam, aber er glaubte mir nicht. Er sagte, sicherlich sei sie zu frech gewesen und selber schuld an allem. Da schlich ich zu meiner Schwester, hockte mich neben sie und hielt ihre Hand. So ging es viele Monate. Nur wenn wir am Abend in der Dunkelheit nebeneinander in dem Bett lagen, das wir uns teilen mussten, legte sie ihren Arm um meine Schulter und erzählte mir im Flüsterton schauerlichschöne Geschichten, dass es mir kribbelnd den Rücken hinunter lief. In den Geschichten wurde unsere Stiefmutter zur bösen Hexe mit Warzen im Gesicht, oder zu einer spindeldürren Zauberin, die uns mit krächzender Stimme in wilde Tiere oder Frösche verwandelte. Und weil meine Schwester so wunderschön erzählte und wir wussten, dass es nur Märchen waren, konnten wir ein paar Minuten lang über alles lachen. Wenn sich dann endlich die Müdigkeit an unser Bett setzte, sagte sie mir ganz leise unser beider heimlichen Geschwisterspruch ins Ohr: „Ich werd dich nicht verlassen, dich an den Händen fassen und immer bei dir sein.“

Wir wurden älter, ich begann über die Dinge des Lebens nachzudenken und im Laufe der Zeit staute sich in mir eine große Wut an. Meine Schwester wuchs kaum noch, wurde dünn und blass und ihre abendlichen Flüstergeschichten täglich grausamer, dass ich oft Angst davon bekam und nicht mehr lachen wollte. Da beschloss ich eines Tages mit ihr von zuhause fortzulaufen. Was will man noch in einer Familie, in der man geschlagen wird, nicht genug zu essen bekommt und zudem als Lügner dasteht?

„Lass uns fort gehen und woanders ein Zuhause finden“, flüsterte ich ihr eines Abends ins Ohr, „oder willst du, dass wir ewig so weiter leben und du zu Unrecht geschlagen wirst?“ Sie hielt sich an mir fest: „Ich habe Angst davor!“ Da nahm ich meine große Schwester in den Arm, sagte ihr unseren Spruch, bis die Angst aus ihr wich und sie leise „Ja“ sagte. Am nächsten Tag packte ich heimlich ein paar Sachen, während sie ihre Prügel bezog. Als dann am Abend Ruhe in das Haus einkehrte und alles schlief, stahlen wir uns davon. Niemand merkte es.

 Die sommerliche Nachtluft war frisch, wir atmeten tief ein und als wir ein Stück vom Haus entfernt waren, sahen wir zurück in die Gasse, aus der uns die schwarzen Fenster im fahlen Mondlicht anstarrten. Wir gingen Hand in Hand bis wir aus unserem Städtchen heraus und in einen Wald kamen. Der Mond ging unter und nun war es so dunkel, dass wir uns ins Gras hockten, unseren Proviant wortlos aßen und bald vor Müdigkeit einschliefen.

Am Morgen erwachte ich vom Gezwitscher der Waldvögel und vom Sonnenlicht, das durch die hellgrünen Blätter der großen Buchen fiel und mich in der Nase kitzelte. Ich fühlte einen großen Durst und weil wir in der Nacht alles verzehrt und ausgetrunken hatten und ich in der Nähe etwas rauschen hörte, wollte ich losgehen, um zu trinken. Ich weckte meine Schwester. Sie saß in Sekunden aufrecht und sagte, ich dürfe kein Wasser trinken, sie habe geträumt, dass ich dann in einen Tiger verwandelt würde. Ich lachte auf, weil ich plötzlich an ihre abendlichen Schauergeschichten denken musste und gleichzeitig so erleichtert war, dass diese Zeiten nun hinter uns lagen: „Ja, ja, die böse Hexe wird das Wasser bestimmt verzaubert haben!“ sagte ich und sah sie verschmitzt von der Seite an. Aber meine Schwester war noch ganz von ihrem Alptraum gefangen und sah mich mit vor Angst geweiteten Augen an. Da beschloss ich, auf die nächste Gelegenheit zu warten.

Wir packten unsere Sachen zusammen und liefen tiefer in den Wald hinein. Schon bald hörte ich wieder ein Rauschen und rannte in die Richtung, aus der es kam. Aber meine Schwester hielt mich am Arm fest und jammerte wieder, ich dürfe nicht trinken, sonst würde ich ein Wolf. Ich lachte und nannte sie eine Spinnerin. Aber sie sah mich böse an und dann stritten wir, bis wir an die nächste Quelle kamen. Mein Durst war nun sehr groß und ich lief mit festen Schritten auf die Quelle zu, die hell und plätschernd aus einem Stein sprang. Aber wieder hielt mich meine Schwester am Arm, diesmal grob und fest. Sie sagte, sie höre das Wasser reden: Wer aus mir trinkt, wird ein Reh! Und sie flehte mich an, nicht zu trinken, wahrscheinlich sei das Wasser von der Stiefmutter verhext worden, so wie die anderen Quellwasser auch. „Schwester, das sind Märchen, es gibt keine Hexen!“ lachte ich. „Unsere Stiefmutter mag ungerecht und böse sein, aber Wasser kann sie nicht verzaubern! Vergiss die alten Geschichten. Wir sind frei! Und ich werde hier und auf der Stelle trinken!“ Und dann riss ich mich los, lies sie einfach stehen und rannte zur Quelle.

An der Quelle wollte ich mich hinknien um zu trinken, aber in meiner Ungeduld strauchelte ich und zerkratzte mir an dornigen Zweigen Arme und Beine. Es war mir egal, mein Durst war so groß, dass ich die Kratzer gar nicht spürte. Ich trank von dem sprudelnden Wasser, das kühl und köstlich schmeckte. Als ich genug hatte und erfrischt zu meiner Schwester zurückkam, stand sie noch immer dort, wo ich sie hatte stehen lassen. Sie empfing mich mit weit aufgerissenen Augen: „Du hast getrunken?“ - „Ja, und es schmeckte herrlich. Schau hier, Schwester, ich und habe mir etwas die Arme und Beine zerkratzt. Ich brauche ein wenig Salbe, damit es sich nicht entzündet.“ Ich hockte mich ins Gras, band meinen Rucksack auf und holte das Döschen mit der Salbe hervor. Meine Schwester kniete sich neben mich und sah zu, wie ich die Kratzer bestrich. Plötzlich zeigte sie mit einem Finger auf meinen Arm und sagte tonlos: „Bruder, kleiner Bruder, sieh nur, du wirst ein Reh!“ Und dann strich sie mit der Hand über meinen Arm, hin und her und flüsterte dabei: „Du wirst ein Reh! Schau, dir wächst ein Fell!“ Ich lachte irritiert und meinte, sie solle jetzt mit dem Unsinn aufhören, aber da sprang sie auf, warf die Arme in die Luft und schrie: „Das ist kein Unsinn!“ Sie war überhaupt nicht mehr zu beruhigen, beugte sich wieder zu mir herab, fasste meinen Arm grob und schob ihn mir vor mein Gesicht: „Da sieh doch selbst!“ Und dann warf sie sich auf den Waldboden und schluchzte laut. Ich saß ratlos neben ihr und betrachtete meine Arme und Beine, es waren wirklich nur ein paar Kratzer zu sehen. Meine Schwester aber lag im Gras und jammerte den halben Tag lang und ich hockte neben ihr und sprach beruhigend auf sie ein. Endlich hörte sie auf. Sie saß im Gras mit ausgestreckten Beinen und verquollenen, roten Augen und starrte erschöpft vor sich hin. Ihre braunen Locken hingen von den Tränen feucht und wirr um ihr Gesicht. Sie sah so elend aus. Ich aber war froh, dass sie aufgehört hatte zu weinen und legte erleichtert meinen Kopf an ihre Schulter. Da strich sie mit ihrer Hand über mein Haar und flüsterte: „Mein Rehlein, ich werde dich nicht verlassen.“ Ich sah ihr ins Gesicht und erschrak, denn ich erkannte, dass sie an das glaubte, was sie sagte. Ich überlegte, was ich tun könnte, aber mir fiel nichts ein und so saßen wir im Gras, den ganzen Tag und sie strich ab und zu über meinen Arm und nannte mich „Rehlein“, bis wir beide irgendwann erschöpft einschliefen.

Ich hatte einen Traum. Ich verwandelte mich in ein Tier. Meine Arme und Beine wurden dünn und lang, die Zehen und Finger verschwanden und wurden zu Hufen. Mein Mund und meine Nase wuchsen aus dem Gesicht heraus und färbten sich schwarz, die Augen quollen auf und traten rund und dunkel aus dem Kopf heraus. Ich fiel nach vorne und musste mich mit den Armen am Boden abstützen. An Armen und Beinen wuchsen in rasender Geschwindigkeit braune Haare, die furchtbar juckten. Meine Schwester tauchte auf, aber ich lief ihr davon. Sie rannte hinter mir her. Wir jagten über eine weite kahle Ebene bis ich plötzlich stürzte, schrie und erwachte.

Ich schwitzte, mein Mund war trocken und Arme und Beine juckten abscheulich. Dunkelrot zogen sich die Kratzer über meine Haut. Da fiel das Abendsonnenlicht durch die Zweige auf das Gesicht meiner schlafenden Schwester und ein Lächeln lag darauf, dass ich dachte, alles sei wieder gut. Ich lief noch einmal zur Quelle, trank und wusch mir Arme und Beine. Dann nahm ich ein Töpfchen und ging in den Wald, um ein paar Pilze oder etwas anderes Essbares zu sammeln. Sirrende Bienen zeigten mir den Weg zu süßen Himbeeren und ich pflückte, bis das Töpfchen voll war. Als ich nach einiger Zeit zu unserem Rastplatz zurückkam, war meine Schwester nicht dort. Sicherlich war sie auch zur Quelle gegangen, denn sie hatte so lange nichts getrunken. Ich setzte mich ins Gras, legte die Beeren auf ein weißes Tuch und wartete auf sie.

Sie kam bald, aber ihr Haar war zerzaust, der Rock und die Schürze zerrissen. Wo war sie gewesen? Als sie mich sah, rannte sie auf mich zu und warf sich über mich, sodass es mir wehtat, denn ich war ja immer noch viel kleiner und schwächer als sie. Ihre Augen funkelten und sie drückte mich mit aller Kraft auf den Waldboden. „Das machst du nicht noch einmal“, keuchte sie. „Du darfst nicht davon laufen!“ Und dann zog sie in Windeseile ein geflochtenes Binsenseil aus ihrer Schürze, schlang es mir um den Hals, zog fest zu und machte einen doppelten Knoten. Ich erschrak heftig. Ihr Gewicht schnürte mir den Brustkorb zu. Ich stieß hervor: „Schwester, verzeih mir. Aber hör jetzt auf, du tust mir weh. Ich werde dir in Zukunft Bescheid sagen, wenn ich zum Beerensammeln in den Wald gehe, mach den Knoten wieder auf, ich kriege kaum noch Luft, das ist wirklich kein lustiges Spiel!“ Aber sie schien mich gar nicht zu hören, hockte auf mir,  knüpfte sich das andere Ende des Seiles um ihr Handgelenk und wisperte: „So, mein Rehlein, nun wird alles gut, iss nur von den Beeren.“ Und dann rutschte sie von mir herab, hockte sich dicht neben mich und fing an ein altes Kinderlied zu summen. Dabei steckte sie eine Beere nach der anderen in den Mund und teilte nicht mit mir, wie sie es sonst tat. Ich rief: „Bitte, Schwester, nimm das Band von meinem Hals, es schnürt mich ein, ich ertrage es nicht.“ Aber sie sah mich nicht an, lächelte vor sich hin, summte und küsste mich dann auf das Haar: „Du musst nicht traurig sein, mein Rehlein, ich verlasse dich nicht“, sagte sie. Und dann saßen wir stumm nebeneinander, bis die Dämmerung kam und der schwarze Wald seine gespenstischen Arme nach uns ausstreckte.

Irgendwann stand meine Schwester auf und zog mich an dem Binsenseil grob in die Höhe. Sie zerrte mich in die Dunkelheit des Waldes hinein, ohne ein Wort zu sagen. Ich versuchte mit ihr zu reden, aber sie reagierte gar nicht, sondern tätschelte nur ab und zu meinen Kopf. Als die ersten Sterne ihr Glitzern durch die Baumwipfel schickten fanden wir endlich eine kleine, verfallene Hütte. Meiner Schwester schien sie als Quartier für die Nacht zu gefallen, denn sie wickelte wortlos das eine Seilende von ihrem Handgelenk und knotete es um einen großen, rostigen Haken, den ich nicht erreichen konnte, denn er war ganz oben an der alten Hauswand. Dann öffnete sie die Tür und verschwand in der Hütte. Ich stand, angebunden gegen die Hauswand gelehnt. Um mich war es totenstill, kein Vogel sang, kein Käfer knisterte durch das Unterholz.

Ich dachte nach und langsam wurde mir meine Situation klar. Die Kratzer an Armen und Beinen und das Seil um den Hals bereiteten mir körperliche Schmerzen, aber der Zustand meiner Schwester bereitete meiner Seele so große Qual, dass ich spät in der Nacht, als der Mond längst untergegangen war und nur Finsternis um mich war, an der Hauswand herab rutschte, mich am Boden niederhockte und in einen Halbschlaf fiel, so unruhig, wie ein Tier auf der Flucht.

In den folgenden Tagen versuchte ich immer wieder meine Schwester dazu zu bewegen, das Band von meinem Hals zu lösen, aber es hatte keinen Zweck, sie hörte mir nicht zu, ich konnte sie nicht mehr erreichen. Ich verbrachte die Tage und Nächte also wie ein Stück Vieh vor der Hütte. Ab und zu kam sie heraus, strich mir über den Kopf und sprach mich mit ‚Rehlein’ an. Tag für Tag wurde ich verzweifelter, doch irgendwann hatte ich keine Kraft mehr, auf sie einzureden. Ich wurde stumm und trat nur noch ab und zu mit den Füßen gegen die Wand der Hütte. Nach zwei Wochen gab ich ganz auf, hockte mich auf den Boden, stierte und litt vor mich hin, wie es gefangene Tiere tun. Tagsüber trat ich nach den Fliegen, die mich inzwischen fortwährend umsurrten und nachts glotze, horchte und schnüffelte ich in die Finsternis des Waldes. Meine Schwester dagegen schien sich hier in der Waldhütte wohl zu fühlen. Sie kam selten heraus, höchstens um ein paar Beeren in unmittelbarer Nähe zu sammeln und diese in einem Töpfchen vor mich hinzustellen. Dabei sagte sie: „Hier, Rehlein, iss!“

So ging es wochenlang.

Waren es die Herbstnächte oder mein erkaltendes Herz, das mich so frösteln ließ? Ich war zwar noch ein Kind, aber ich konnte klar denken und erkannte, dass meine fortwährend summende Schwester den Verstand verloren hatte. Und auch ich hatte das Gefühl, langsam verrückt zu werden. Und an besonders grauen Tagen wusste ich nicht mehr, ob ich ein Mensch war oder ein Tier. Wie schnell wird man tatsächlich zu dem Wesen, für das andere einen halten?

Eines Morgens in der Frühe, die aufgehende Sonne warf gerade ihre weißen Strahlen gegen die Baumstämme vor der Hütte, erwachte ich von einem ungewöhnlichen Geräusch in der Ferne. Ich schoss in die Höhe und lauschte. Melodische Dreiklänge drangen durch den Wald in meine empfindlichen Ohren. Jagdhörner! Es waren Jagdhörner! Jagdhörner, von Menschen geblasen! „Es sind Menschen in der Nähe!“ brach es flüsternd aus mir heraus und noch einmal: „Es sind Menschen! Helft mir!“ Ich sprang auf. Ich zerrte an dem Strick. Immer lauter schallten die Hornsignale durch den Wald. Immer wilder wurden meine Tritte gegen die Wand der Hütte. Das Seil schnürte meinen Hals ein. Ich bekam kaum noch Luft. Mein Wille zu fliehen aber verlieh mir eine Stärke, die ich vorher nie gekannt hatte. Endlich riss das Seil. Ich stürzte davon. Sprang wieder auf die Beine. Dann atmete ich tief ein und raste los. Hinter mir hörte ich meine Schwester aus der Hütte stürzen und schreien: „Rehlein, verlass mich nicht!“ Ihr war nicht klar, dass sie es war, die mich schon vor Wochen verlassen hatte.

Ich jagte wie ein wildes Tier durch den Wald, zog frisch gewobene Spinnennetze hinter mir her, zerknickte in meiner Hast Zweige und stolperte über Steine und abgebrochenes Gehölz. Nur weg von hier und hin zu den Menschen! Die Klänge der Hörner kamen näher. Sie waren mir wie die süßeste Musik in den Ohren und ich flog ihnen fast entgegen. Endlich sah ich eine Lichtung durch die Zweige und in ihr Menschen. Es waren Jäger, die dort bei ihren Pferden standen. Es roch nach Feuer und gebratenem Fleisch. Ein Jäger saß hoch zu Ross und hielt ein goldglitzerndes Horn an die Lippen. Ich sprang durch das Unterholz, Zweige knackten laut, jemand schoss, ein anderer schrie: „Vorsicht, Leute, nicht schießen! Dort läuft ein Junge durch das Gebüsch!“ Ich stolperte, fiel und schlug mit dem Kopf auf einen Stein.

Als ich wieder zu mir kam, beugten sich zwei Jäger über mich: „Junge, was machst du hier so früh und zur Jagdzeit? Weißt du nicht, dass das verboten ist? Wir hätten dich treffen können!“ Ich fror und schwitzte plötzlich gleichzeitig, griff mit den Händen in mein zerzaustes Haar und rief: „Ich bin ein Mensch! Ich bin ein Mensch!“ Ein Jäger tätschelte mir beruhigend die Wange. „Ja, ja, ist schon gut, mein Junge, beruhige dich, wir schießen nur auf Tiere.“

Etwas später trugen sie mich zu ihrem Feuerplatz und hüllten mich in eine warme Decke ein. Sie gaben mir zu essen, köstliches weiches Brot und süße Milch. Und nach einer Weile erzählte ich ihnen meine Geschichte und ich musste gleichzeitig weinen und lachen. Die Jäger hörten mir zu und schüttelten die Köpfe vor Staunen und Unglauben. Und als abends das trockene Holz im Lagerfeuer brannte und mich außen und innen wärmte, bat ich die Jäger mir und meiner Schwester zu helfen.

Am nächsten Tag ritten wir gemeinsam in den Wald und suchten die Hütte. Es war heiß und schwül und es dauerte bis zum Mittag, bis wir sie fanden. In der Ferne, wie in Dunst eingehüllt, sah ich meine Schwester vor der Tür knien. Ihre Haare waren in den Wochen gewachsen und fielen offen und zerzaust über die Schultern herab. Sie trug noch immer ihr zerrissenes Kleid. In der einen Hand hielt sie das Ende des zerrissenen Seils und wischte sich mit der anderen immer wieder über das Gesicht, so als wische sie sich Tränen fort. Dabei summte sie und betrachtete lächelnd das Seilende.

Ich fasste mir an den Hals und als ich dort das andere Ende fühlte, wurde mir bang und traurig zumute. „Wir müssen behutsam mit ihr umgehen“, sagte ich zu meinen Begleitern, „meiner Schwester geht es nicht gut, sie ist verwirrt, sie lebt ja seit Wochen hier im Wald nur unter Tieren“ – und die Jäger starrten meine Schwester an, als sei sie eine Erscheinung. Sie aber blickte plötzlich zu uns, sprang auf und schwebte dann wie ein Geist auf uns zu. Sie sah mir mit großen, fragenden Augen entgegen und als sie mich erreicht hatte, berührte sie vorsichtig meinen Arm. Dann schweifte ihr Blick in die Undurchdringlichkeit des Waldes und leise stockend, aber ohne Gefühlsregung, sagte sie: „Das Reh ist fortgelaufen. Ich konnte es nicht halten.“ Ich sagte sanft: „Ja, Schwester, es musste fort. Es wollte deinen Bruder holen und nun ist er hier. Dem Reh aber geht es gut, dort wo es jetzt ist. Und dein Bruder ist hier und verlässt dich nicht.“ Stumm sah mich meine Schwester an. Ich nahm vorsichtig ihre Hand und führte sie zu einem der Pferde. Sie ließ es willig mit sich geschehen. Dann brachten wir sie in die pflegende Obhut eines nahe gelegenen Klosters.

Von den Jägern lernte ich den Umgang mit dem Gewehr und alles was man über das Leben im Wald wissen muss. Ich schloss mich ihnen an und wurde einer von ihnen.

Täglich aber besuchte ich meine Schwester, ging mit ihr durch den Klostergarten spazieren und zeigte und erklärte ihr die Kräuter und Blumen. Es dauerte Monate, bis sie wieder sprach und noch einmal so lange, bis sie mich, ihren Bruder, wiedererkannte.

So, mein lieber Herren Grimm, das war die Wahrheit und nur so ist es gewesen damals mit mir und meiner Schwester. Und wer etwas anderes behauptet, der hat sich einfach nur ein schönes Märchen ausgedacht!

(Beitrag zur Sommerlesung / Juni 2017)

 

 

 

© Cornelia Poser 2017 für alle Veröffentlichungen