Calenberger Autorenkreis

      







Prosatexte und Gedichte von Jörg Hartung


Beitrag zur Winterlesung am 18.2.18

Am See unweit von Toluca  (Mexiko 2017)

Am Morgen noch schlafen die Hügel  
still ruhen Tal und See.  
Zwei Schwäne gleiten vorüber,  
lautlos und weiß wie Schnee.  

Leicht streifet die Hand des Windes  
den Hügel und den See  
und sanft die Wellen sich wiegen  
in seines Atem Weh‘n. 

Das Licht steigt auf mit den Wolken  
und kündet vom neuen Tag.  
Die Schwäne breiten die Schwingen  
und fliegen hoch auf ohne Frag‘.  

Sie bleiben zusammen für immer.
Kein Hügel, kein See sie trennt.
Sie schweben gemeinsam hinüber,
zum Ufer am anderen End.

Es bringet der Atem des Windes
von ferne die ewige Kund‘,
es gibt kein unendlich Dauern
in diesem Lebensrund.

Es fliegen zwei Schwäne vorüber.
Ihr Flügel streift meinen Traum.
Im Fluge sie leicht überwinden
die Enge von Zeit und Raum.

 

 Vor-Weihnachten in Ubatuba - oder der Held des roten Schuhs

Die geschwungenen kleineren und größeren Sandbuchten in und um Ubatuba nördlich von Sao Paulo sind ein kleiner Traum, wenn man wie ich die Praia Lázaro gewählt hat. Die Zufahrtsstraße gleicht zwar einer Schlaglochpiste, das Hotel Solar Agua Cantantes, was so viel wie Sonne und singende Wasser heißt, ist aber ein lohnendes Idyll mit seinen landestypisch blau abgesetzten Fenstern, Klappläden und Türen, die sich harmonisch vom weiß der Wände abheben. Palmen spenden Schatten im Innenhof. Zum Strand sind es nur 200 m. Lediglich der Kampf mit den Mücken bleibt einem nicht erspart.

In Ubatuba sind die Sandstrände goldgelb und sauber. Für die Sicherheit sorgen Polizei und Wachdienste. Man kann herrliche Touren in Kajak-Paddelbooten machen und damit die Felsenklippen auf dem Wasser umfahren, von denen die sichelförmigen Buchten an beiden Enden eingerahmt werden. Dann öffnet sich der Blick auf die geschwungenen Linien der dunklen Bergketten oberhalb der Strände, die mehrere hundert Meter aufragen und hinter denen allabendlich die Sonne sich zur Nachtruhe begibt, nicht ohne mit ihren rauchigen letzten Strahlen den Strand für die späten Gäste in den „Bodeguitas“, den Strandbars, zu erhellen.

So hatte ich denn Ubatuba ausgewählt, um noch einige Tage vor dem Rückflug in das weihnachtliche Deutschland auszuspannen. Auch hier war Vorweihnachtsfreude. Der 3. Advent lag schon hinter uns. Geschmückte Weihnachtsbäume aus Plastik, die man sicherlich so jedes Jahr wieder vom Boden holen kann, standen in den Foyers der Hotels. Am Eingang der Geschäfte grüßten pausbäckige, aufgeblasene Plastik-Weihnachtsmänner in Winterstiefeln, langen weißen Bärten und roten Mützen. In den Geschäften werden die bekannten Weihnachtslieder gespielt, nur vom HO, HO des auf einer Videowand im Rentierschlitten über verschneite Landschaften gleitenden Knecht Ruprecht oder Väterchen Frost, oder wie er sonst noch genannt werden mochte, unterbrochen. Die Kunden in ihren kurzen Kleidchen und Bermudashorts, Sandalen oder Flip-Flops stört das nicht im Geringsten bei ihren Einkäufen zum Frohen Fest. Nur der Strand war einigermaßen weihnachtsschmuckfrei, abgesehen von vereinzelten bunten Glühbirnenspielen an den Theken, die den Caipirinha ausschenkten.  

Am südlichen Ende der Praia Lázaro erreicht man über eine schmale Landende einen weiteren kleinen Strand, an dem besonders gerne jugendliche Surfer bei hochstehender Flut ihre Kunststücke auf dem Brett in der Brandung sich gegenseitig und zum Beifall der Strandgäste vorführen. Auch dieser schmale und kurze Sandstrand ist beidseitig von massiven Felsformationen gesäumt, an denen sich selbst bei mäßigem Wind brausend und hoch die Wellen brechen. Das Ufer fällt relativ steil ins Meer ab, wodurch auflaufende Wellen die nötige Höhe bekommen, auf denen die wagemutigen Burschen ihre Bretter und sich selbst reiten lassen, immer bedacht, nicht zu dicht an die gurgelnden Wasser der Felsenklüfte zu geraten.

Heute war ein eher flauer Tag. Die Bretter ruhten und es waren Familien und Pärchen unterwegs, die mit langen Strohhalmen an den aus dem nahen Restaurant gebrachten Kokosnüssen „água de coco“ nuckelten, knusprige Camarão milanese oder Camarão crocante knabberten oder einfach nur ein Sonnenbad nahmen. Die niedrige Tide legte sonst ungesehene Unterwasserfelsen bloß und der steile Abstieg des feinkörnigen Ufersandes ließ die Tiefe erahnen. Höhere und niedrigere Wellen liefen den Strand hinauf und nässten gierig den trockenen Sand soweit sie reichen konnten, um dann sturzbachartig wieder in ihr Element zurückzukehren. Ich schlenderte den Strand entlang, weit genug entfernt von den auch heute teils gewalttätigen Einzelwellen, die weit den Strand hinauflaufen konnten. Seitlich von mir und viel näher zum Wasser ging eine junge schlanke Dame im Bikini, die mir schon im Hotel beim Frühstück aufgefallen war als sie mir ein freundliches Lächeln schenkte. Sie ging mit den Füßen, die in roten Badeschuhen steckten, entlang des Wassers, so dass ihre Beine von jeder Welle wadenhoch umspült und gekühlt wurden. Ihren bunten Umhang hielt sie zusammengerollt unter den Arm geklemmt, damit er von dem Spritzwasser der am Strand in sich zusammenstürzenden Wellen nicht nass wurde. Ich war etwa 20 Schritte voraus und strebte den strandseitig links gelegenen Felsformationen zu, um zu sehen, ob die kleine Felsenhöhle, die nur bei Ebbe zugänglich ist, noch vorhanden war, die ich von einem früheren Besuch hier kannte. Da hörte ich einen spitzen Schrei.

Als ich mich umsah, zog eine der Wellen das junge Mädchen den Strand hinab ins Meer. Sie stemmte sich in den Sand, rappelte sich mühsam auf, die Welle floss ab. Sie war komplett nass geworden, einschließlich Haar und Umhängetuch, selbst die in einer kleinen Tasche befindlichen Geldscheine, Sonnencreme, Brille, einfach alles. Aber alles hatte überlebt, auch das Handy. Ich lief auf sie zu, half ihr auf und zog sie höher an den Strand. Wir lachten. Da rief jemand „sapatos, sapatos“ (Schuhe, Schuhe). Sie schaute auf ihre Füße - und richtig, die roten Strandschuhe waren weg. Es muss eine Monsterwelle gewesen sein, die sie unvorbereitet getroffen und mit solcher Wucht zu Boden geworfen hatte, dass sie, ohne es zu merken, ihre Schuhe verlor. „Lá, lá“ (da, da) rief eine Frau, die den Vorgang beobachtet hatte. Sie deutete mit der Hand auf die Wellen und tatsächlich, da schwammen zwei rote Schuhe. Die junge Frau machte eine Bewegung in Richtung Wasser auf die Schuhe zu, aber die Wucht der nächsten Welle überzeugte sie umzukehren. Die Schuhe trieben nun schon mehr als 30 - 40 m vom Ufer. Noch einmal machte sie einen halbherzigen Versuch den Schuh zu erreichen. Nach einer weiteren heftigen Welle gab sie auf. Sie sah mich an, ohne etwas zu sagen.

Nun war ich wohl an der Reihe. Ich taxierte die Lage und den Wellengang. Die Schuhe waren von der unberechenbaren Strömung und den Wellen getrennt worden. Diesen Schuh dort, der weitgehend im freien Wasser schwamm, den konnte man wohl erreichen. Aber der andere Schuh trieb gefährlich nah an den Felsen. Helden machen mögliche Dinge und unmögliche Dinge. Ich entschied mich für das Mögliche zuerst. Rasch lief ich mit dem ablaufenden Wasser in die Fluten, musste einmal durch die nächste über mir zusammenbrechende Welle tauchen, ein paar kräftige Armzüge weg von der Brandung. Nun war es relativ leicht dem Schuh nachzuschwimmen. Mit der Beute in der Hand, den Kopf über den Wellen haltend, ließ ich mich ans Ufer spülen und bevor die nächste Wasserwalze angerollt kam, war ich weit genug den Strand hinauf, so dass sie mich nicht mehr umwerfen konnte. Prima, sehr gut, Dankbarkeit im Blick, aber auch Trauer. Was ist mit dem zweiten Schuh? Aus Erfahrung weiß ich, dass Frauen nicht mit einem Schuh zufrieden zu stellen sind.

Ein wahrer Held gibt nicht auf – schon gar nicht, wenn es um die Gunst einer schönen Frau geht. Aber die Sache war vertrackt. Der Schuh schwamm gefährlich an den Felsen. Ich zögerte. Da half ein gütiges Schicksal, zumindest auf den ersten Blick – oder war es eine Falle? Die deutschen Heldensagen sind voll von vermeintlich glücklichen Fügungen und trügerischen Versprechungen. Die quer vom Felsen zurückgeworfenen Wellen bewegten den Schuh aus der tödlichen Gefahrenzone etwas mehr hinaus ins offene Wasser, noch immer vor den Felsen, aber – nach heldenhafter Einschätzung - in machbarer Entfernung. Jung-Siegfried brauchte keine eherne Rüstung. Eine solche wäre hier beim Schwimmen und Tauchen auch nicht förderlich gewesen. Sein Verhängnis war damals die Stelle, die nur Kriemhild kannte. Wie sollte es nun hier weitergehen? Ich sah mich um. Ein Teil der Badegäste war aufgestanden. Zahllose Augenpaare verfolgten mich. Ihre Blicke ritzten meine Haut. Es gab nun kein Zurück. Wieder wartete ich eine Welle ab, sprang ins Wasser, musste mich einer querlaufenden Welle erwehren, die mich nach unten drücken wollte. Ich bekam noch einmal Grund unter die Füße in einem Wellental und stieß mich ab. Kopf aus dem Wasser, Luft. Dies war nicht so leicht. Hier gab es kein ruhiges Wasser. Die abziehende Welle zog mich nach unten in die Tiefe, die auflaufende Welle wollte mich gegen die Felsen drücken. Noch war ich weit genug entfernt, aber auch noch weit von dem roten Schuh, dem Ziel meiner einzigen und vielleicht letzten Begierde. Kräftig mussten die Arme rudern. Die Lungen die Luft halten. Nicht in diese Felsenspalte geraten. Keine Angst zulassen, keine Panik. Das verbraucht nur Kräfte. Die brauchst du für den Rückweg. Für einen Moment dachte ich, lass den Schuh und rette dich. Kleinmütiger – sagte eine Heldenstimme in mir. Eine der rücklaufenden Wellen trug mich näher an den Schuh heran. Kraulschwimmen war nie meine Stärke. Dabei schlucke ich immer so viel Wasser. Aber Not ist der beste Lehrer. Noch ein paar Schläge. Da schaukelte der rote Schuh gemütlich vor mir auf einer sich aufreizend harmlos kräuselnden Welle – für einen Augenblick. Rasch griff ich zu. Zurück. Zurück. Ich muss mich links halten. Bin doch nun zu dicht an den Felsen. Ich sah den Strand und die Leute nur noch wie durch ein Wasserglas. Ich sah aber auch die Felsen bedrohlich nahe. Eine große Welle hob mich und drückte mich in die Richtung der Felsenspalte, die schon lächelnd bei jeder ablaufenden Welle ihre gezackten Zähne bleckte, in freudiger Erwartung ihrer Beute. Nein, ich musste nach links und weiter raus. In dieser Brandung bist du verloren. Der Schuh in der Hand behinderte meine Schwimmstöße. Ich kam nur langsam voran. Hunde haben es gut, dachte ich. Sie können so einen Schuh ins Maul nehmen und mit allen Vieren schwimmen. Die querlaufenden Wellen kamen jetzt von schräg hinten, liefen mir übers Gesicht, ich schluckte Wasser, gutes salziges Atlantikwasser. Kraulen, Brustschwimmen, Schwimmen war schwierig mit dem Schuh in der Hand. Ich versuchte es auf dem Rücken. Die tiefe Welle saugte mich erneut zu den Felsen. Nun gab es keine Alternative mehr. Nicht verkrampfen, jetzt keinen Krampf bitte, nicht jetzt. Die Schwimmstilfrage geriet völlig in den Hintergrund und war mir egal. Ich holte tief Luft und schlug die Arme irgendwie vorwärts. Irgendwann musste ich atmen. Wasser. Mein Mund war voll mit Wasser. Spucken, schlucken, Luft. Ich spürte wie die Kraft nachließ. Ein Held muss Überirdisches leisten, er muss über die Schmerzgrenze gehen – so ist das in den Heldensagen gemeint. Einfach nur weiter nach links schwimmen. Dort musst du hin. Endlich, endlich, die Querwellen ließen nach. Ich hielt direkt auf den Strand zu. Nur dort gab es Rettung. Eine große Welle ging über mich hinweg. Wieder schluckte ich Wasser. Ich brauchte Luft. Einen Atemzug wenigstens. Jetzt brach die Welle, das heißt, der Strand ist nahe. Kopf hoch. Die Füße suchten nach Grund. Die nächste Welle musste es richten. Länger konnte ich die Luft nicht anhalten. Mit Getöse spülte mich die Welle an den Strand. Rasch rappelte ich mich hoch und reckte die Hand mit dem roten Schuh in die Luft. Die Leute lachten und applaudierten.

„Hero“ rief einer. Ja, dachte ich „der Held des roten Schuhs“. Ich ließ mir die Anstrengung soweit möglich nicht anmerken, überreichte der jungen Dame lässig und lächelnd den zweiten Schuh, den sie freudig entgegennahm. Langsam ging ich den Strand hinauf, lehnte mich außerhalb der Sichtweite der Leute an einen der freundlich warmen Felsen. Mein Atem ging schwer. War das die Leistungsgrenze gewesen? Ein bisschen schon. Nun zu Weihnachten geschehen unvermutete Dinge und Wunder. Die schätzungsweise drei Liter Meerwasser drückten im Magen. Die junge Dame kam mir nach. Sie wollte sich bedanken. „Wir sollten einen Caipirinha trinken“, sagte sie. Wie hätte ich das abschlagen können. Es wurde noch ein schöner, unvergesslicher Abend am Heldenstrand – auch lange nachdem die Sonne schon hinter den Bergen verschwunden war.

Am nächsten Tag bummelten wir durch die Geschäfte in Ubatuba. In einem Schuhladen, unter einem geschmückten Plastikweihnachtsbaum stand ein Paar roter Strandschuhe. Ich starrte auf die Schuhe. „Die Schuhe sind sehr schön“, sagte die Verkäuferin stolz auf Englisch, „und falls sie mal im Wasser verloren gehen sollten, das macht nichts, sie schwimmen immer oben“. „Ich weiß“ sagte ich. Sie machte eine kleine Pause und fuhr fort, „ich lasse sie Ihnen für nur 15 Real“. Mein Kopf rechnete rasch. Das sind nach aktuellem Kurs keine 4 Euro, genau 3,95. „Danke“, sagte ich „vielleicht ein andermal“ und ging langsam hinaus in die gleißende Vor-Weihnachtssonne. Sie konnte ja nicht wissen, wen sie vor sich hatte: Ein Held für 3,95.

(Gehrden 2018)

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