Calenberger Autorenkreis

      




Prosatexte von Karla Kühn




Der Steinbruch

Susanne war begeistert, als Achim ihr mit einem verschmitzten Lächeln vorschlug: „Was hältst Du davon, wenn wir an diesem Wochenende zum Zelten an den Steinbruch nach Brandis oder nach Beucha fahren.“

Geschichtlich historische Orte waren die steilen Felsen, an deren Grund tiefe Seen lagen. Mit dem abgesprengten Granitporphyr wurde das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig neunzig Meter hoch erbaut und zum Gedenken der Völkerschlacht genau nach hundert Jahren feierlich am 18.Okt. 1913 eingeweiht.

Auf dem Gepäckträger seines Berlin Rollers verstaute Achim das Zelt für zwei Personen, die Luftmatratzen, Decken, Utensilien, die für eine Übernachtung im Freien benötigt wurden. Brote, Obst und Getränke befanden sich in Susannes Rucksack. Sie platzierte sich mit diesem auf ihrem schmalen Rücken, bekleidet mit einem leichten Sommerkleid und einer Wolljacke auf den Soziussitz, Schutzhelme trugen sie nicht, die zu tragen war in den sechziger Jahren noch keine Pflicht. Die Freunde Pit und Jutta schlossen sich ihnen an.

Die Zelte standen ohne reglementierte Ordnung auf der Wiese rund um den Bruch. Das war kein öffentlicher Zeltplatz auf dem, wie es heute selbstverständlich ist, sanitäre Einrichtungen zur Verfügung stehen. Tief und steil stürzten die Granitfelsen zum dunklen klaren Wasser nach unten. Von der Wasseroberfläche bis zum Grund des Sees, dreißig Meter sollten es sein, war es nicht möglich zu tauchen. Abenteuerlich und romantisch erschienen diese Orte. Die Verwegensten sprangen senkrecht kerzengerade, den Kopf im Nacken, die Nase mit Daumen und Zeigefinger zuhaltend, mutig von den Klippen in die Tiefe. Andere fuhren die abschüssige schmale Schräge mit dem Fahrrad nach unten, auf der noch die verrosteten Schienen für die Loren lagen, die vor Jahren das Gestein nach oben transportierten, bremsten scharf vor dem Abgrund, warfen die Räder zur Seite und sprangen anschließend in das kühle Wasser. Bewunderer gab es immer für diese Aktionen.

Die vier Freunde kletterten mit nackten Füßen den steilen Abstieg hinab. Von einer Steinplatte, auf der drei maximal vier schmale Personen Platz fanden, gelangten sie einer nach dem anderen mit einem kühnen Sprung ins klare Nass. Übermütig jagten sie sich, schwammen um die Wette und rangelten um die mit ins Wasser geschleppte Luftmatratze. Wer zuerst oben auf saß hatte gewonnen. Beim Tauchen sahen sie die schroffen glatten Felswände, an deren Vorsprüngen sie sich festkrallen konnten, wenn sie die Fischschwärme beobachten und wieder zur Wasseroberfläche auftauchend ein wenig ausruhen wollten. An die Tiefe unter ihnen dachten sie in ihrer jugendlichen Unbefangenheit nicht.

Langsam versank die Sonne am Horizont des hochsommerlichen Abends. Wollte sie vielleicht diesem heißen Sommertag so lange standhalten, um mit ihren immer schwächer werdenden Stahlen neugierig aufzufangen, was die jungen Menschen am Bruch noch treiben werden. Erschöpft saßen die Freunde im Schneidersitz vor ihren Zelten, aßen die Butterbrote, die geräucherte Wurst hielten sie in der Hand und tranken gemeinsam den heimlich mitgebrachten süßen Wein aus dem Keller der Eltern, redeten, neckten miteinander und lachten über witzige Erlebnisse.

Als sich die Dämmerung immer intensiver über den Feldern und Wiesen ausbreitete, nahm Pit plötzlich die qualmende Pfeife aus dem Mundwinkel, legte sie vorsichtig zur Seite und mit einem spitzbübischem Lächeln forderte er die Freunde auf: „Leute, was haltet ihr davon, wenn wir noch einmal nach unten steigen und im Steinbruch verschwinden, das wird bestimmt in der Dunkelheit ein ganz besonderer Kick.“ Alle, außer Susanne, waren von diesem Vorschlag begeistert. „Du kannst Ideen haben, Pit. Ich verspüre keine Lust dazu.“ Die anderen übertönten ihren zaghaften Einwand: „Suse, hab dich nicht so, packen wir es an. Du erinnerst Dich? Einer für alle, alle für einen.“ Ihr blieb nichts anderesübrig, sie musste mit. Die Jungen und Jutta kletterten den schmalen Stieg hinunter. 

Susanne war das Schlusslicht, welches sich zaghaft nach unten hangelte. Die Steinplatte war in der Dunkelheit empfindlich kühl geworden. Sie hörte die Freunde im Wasser toben, voller Überschwang tauchten sie unter, beim Auftauchen schnappten sie wie Karpfen nach Luft, warfen die Arme hoch und verschwanden erneut im See. Susanne wurde mulmig, als sie über das dunkle Nass blickte, in welchem sich die blanke Scheibe des Vollmondes spiegelte. Sie war sich sicher, dass der süße Wein eine Wirkung auf alle vier hinterlassen hatte. 

Pit`s laute Worten hallten von den Wänden zurück: „Suse, nun hab Dich doch nicht so, komm endlich rein.“ Die Aufgeforderte sog tief die Nachtluft ein und sprang. Das Wasser umfing sie, sie tauchte mit der Luft in ihren Lungen nach unten. Die Augen hielt Susanne weit geöffnet, rechts erblickte sie die Umrisse einer Felsenwand, an der sie sich hätte festhalten können. Sie tat es nicht. Eine unglaubliche Ruhe umfing sie, die Dunkelheit machte ihr plötzlich keine Angst mehr. Still war es, unheimlich still. Kleine Luftbläschen entwichen ihren fest zusammengepressten Lippen. Sie fühlte sich so leicht, so unglaublich beschwingt. Sie wollte die Tiefe des Sees ergründen.

Plötzlich spürte sie zwei kräftige Arme, die sie fest umschlungen nach oben trugen und auf die Steinplatte zogen. Leise drangen Achims Worte zu ihr: „Susi, was war das gerade? Wir hatten beobachtet, wann Du ins Wasser gesprungen bist. Du tauchtest nicht wieder auf. Es ist ein unsagbares Glück oder Schicksal, wie man es auch nennen mag, dass ich Dich da unten gefunden habe.“ Sie hätte keinem sagen können, was mit ihr gerade geschehen war. Der junge Mann hielt die am ganzen Körper zitternde Liebste fest umschlungen. Schweigend stiegen sie nach diesem Vorfall hinauf zu den Zelten. Auch Jutta und Pit war der Schreck in die Glieder gefahren. Spät war es geworden, als sie erschöpft in Decken eingehüllt auf den Luftmatratzen vor den Zelten saßen. Die Jungen hatten erneut die Pfeifen mit Tabak gestopft und angezündet. Der Rauch stieg würzig duftend durchsichtige Kringel bildend in das Dunkel der Nacht auf. Jutta holte die zweite Flasche Wein aus ihrem Rucksack. Licht spendeten kleine, auf Steinen platzierte Kerzen. Es war schon lange nach Mitternacht als sie aufbrachen, um sich ins Zelt zu begeben. Spontan nahmen sie sich in die Arme und versprachen immer zueinander zu stehen. Achim sagte leise und mit ernster Miene: „best friends forever!“ Stumm nickten die Freunde, sie waren seiner Meinung.

Am Sonntagmorgen stieg die Sonne gleißend hell am blauen Himmel empor, es würde wieder ein heißer Sommertag werden. Susanne kletterte mit den Freunden zum Wasser hinunter, blieb aber auf der Steinplatte sitzen, zur Abkühlung baumelten ihre schlanken Beine im Wasser. Heute würde sie lesen, oder nur zur Beobachterin des fröhlichen Treibens der Badenden werden. Auf keinen Fall ins Wasser steigen.

Es hat einige Jahre gedauert, bis dieser Schock überwunden war, und es Susanne wieder möglich wurde, im Steinbruch unbefangen zu schwimmen. Später erzählte sie es ihren Enkelkindern. Und dabei sah sie die Kinder mit ihren braunen Augen ernst an: „best friends forever“ sind euer Opa, Jutta, Pit und ich noch immer. Macht es uns nach.


Das Klassentreffen

Ich erschrak, das Telefon hatte geklingelt. Bestimmt war ich, wie schon so oft, vor dem Fernseher eingenickt. Ich erkannte sofort die Stimme am anderen Ende der Leitung: „Hallo, erklärst du dich bereit,  das Klassentreffen mit mir zu organisieren. Ich schlage Mitte Mai des nächsten Jahres für ein Wiedersehen in unserem alten Gasthof vor. Meine Liebe, du rufst die Männer an, ich werde die Mädels anrufen.“

Ich musste lächeln, die Mädels, ich gehörte dazu, waren mittlerweile siebzig Jahre alt geworden. Meine ehmals schwarzen Haare waren einem schlichten Grau gewichen und im Gesicht waren Runen zu erkennen, die von einem nicht ganz sorglosen Leben erzählen könnten. Nach dem Weihnachtsfest, vor dem Jahreswechsel begann ich mit der Telefonierei. Mir war bewusst, dass fünfzig Prozent der Herren erst Rückfrage mit der Angetrauten halten mußten. Und so war es. Ich schildere hier nur einige Beispiele: „Ach Klara, du bist es, wunderbar, dass du an mich gedacht hast, aber du weißt doch, ihr Frauen seid die wandelnden Terminkalender. Bitte sei nicht böse, ich muss erst mit der meinigen reden, ich rufe dich zurück.“ Irgendwann tat er es auch. „Hallo Klara, ach so, das Klassentreffen. Bitte hab einen Moment Geduld.“ Ich hörte, wie er nach seiner Frau rief: „Schatz, Klara ruft an wegen des Klassentreffens im Mai nächsten Jahres. Was meinst du? Sollte ich fahren, wenn ja, dann bedenke, ich muss im Ort eine Übernachtung finden, käme am Abend nicht nach Hause!“ Ich musste lächeln, denn ich sah förmlich vor mir, wie sie die die Stirn in Falten legte und nachdachte, ob sie das Risiko bei einer Zusage eingehen sollte, in dem der Ehemann eventuell seiner Jugendschwärmerei bei solchem Treffen begegnen könnte. Immer wieder musste ich mir anhören, dass der Angerufene schwere gesundheitliche Probleme zu bewältigen hatte, die gerade zum Zeitpunkt des Klassentreffens noch behandelt werden mussten. Es gab Termine für Kuraufenthalte, für eine längst geplante Familienzusammenkunft oder auch Urlaubsreisen, die nicht verschoben werden konnten. Ich war immer eine geduldige Zuhörerin, machte einen Haken an die Zusagen, eine Fragezeichen bei den Unschlüssigen und einen Strich bei einer Absage. 

Im Gasthof „Zur Traube“ hatte mein Klassenkamerad zum vereinbarten Termin für ca. 30 ü. Siebzigjährige das Jagdzimmer reservieren lassen, an dessen holzgetäfelten Wänden die respektablen Hirschgeweihe angebracht waren. Die Fotografin im Heimatort war von dem Termin unseres Treffens in Kenntnis gesetzt worden. Es ging um den geeigneten Ort der Aufnahmen, die Finanzierung der Fotos, die sie uns am gleichen Nachmittag in den Gasthof bringen wollte. Es war ein Frühlingstag, wie man ihn sich nur wünschen konnte. Die Sonne strahlte warm und strahlend vom tiefblauem Himmel herab. Wir beiden Organisatoren standen vor der Eingangstür des Gasthofes und begrüßten herzlich die ehemaligen Schulkameraden mit freundlichen, witzigen und letztendlich bewundernden Worten: „Mädel, du siehst blendend aus, hast Dich nach unserem letzten Treffen überhaupt nicht verändert.“ oder „Grüß dich Lore, immer noch so schlank, wie machst du das nur?“ Ich musste bei diesen wohlgemeinten Komplimenten meines Schulfreundes still in mich hineinlachen.

Freudig überrascht war ich, als einige von meinen ehemaligen Schulkameraden, die telefonisch ihre Anwesenheit nicht hundertprozentig zugesagt hatten, nun erschienen und wir sie begrüßen konnten. Mir schien, als würden sie mich trotz ihres Alters mit immer noch jugendlichen Augen anstrahlen. Geht doch, dachte ich. Hin und wieder gab es Erkennungsprobleme mit Klassenkameraden, die viele Jahre an unserem Treffen nicht teilgenommen hatten. Zum Beispiel mit diesem Graubärtigen, der vor dem Gasthof aufkreuzte und uns lachend begrüßte. Bekleidet mit einem weiten bis an die Knöchel reichenden schwarzen Lodenmantel, einem großen breit krempigen Schlapphut auf dem Kopf und die qualmende Pfeife zwischen den Fingern haltend. Meine Güte, wer war das? Wir schauten uns verlegen an. Könnte das Jürgen, der Journalist sein, der viele Jahre nicht zum Treffen gekommen war? Etwas spinnert war der schon immer. Na klar, er war es, wer den sonst hätte mit einem so spleenigen Gewand hier auftauchen können. Später offenbarte er uns, dass er jahrelang an einem schwerem Krebsleiden gelitten hatte und deshalb nicht erschienen war. Immer noch schrieb er monatlich für die Tagespresse der Stadt seine Kolumne.

Unruhig lief ich erneut zur Eingangstür. Die Sonne hatte ihre Kraft noch nicht verloren. Ungeduldig trat ich von einem Bein auf das andere. Er musste doch kommen. Als ich ihn vor Silvester anrief, sagte er mir mit leiser Stimme zu. Er, mein Freund im letzten Schuljahr, der im Kino den Platz neben dem seinen für mich frei hielt, mit dem ich Bücher austauschte, Radtouren unternahm und ins Schwimmbad ging. Seit vielen Jahren war er nicht zum Treffen erschienen. In der hellen Frühlingssonne stehend glitten meine Erinnerungen zurück in die Vergangenheit. Es könnte vor dreißig Jahren gewesen sein. Ich weiß es nicht mehr. Es war wie heute  ein so herrlicher Frühlingstag im Mai. Die Luft  getränkt vom Duft der aufbrechenden Blüten der Kastanien, der Fliederbüsche, den Rhododendren, die den Biergarten umzäunten. Schüchtern fragte er mich nach einem Abend, der im Kreis der Schulkameraden und -kameradinnen angefüllt mit Gesprächen, Erinnerungen und gemeinsamen Tanzen zu Ende ging, ob er mich nach Hause bringen dürfte. Ich nickte nur. Warum nicht? Ohne ein Wort zu sprechen liefen wir eng nebeneinander. Was sollten wir auch reden. Jeder von uns beiden hatte seine Familie, sein eigenes Leben. Plötzlich blieb er stehen, nahm mich in die Arme und küsste mich. Ich erwiderte seinen Kuss. Wir lösten uns aus der Umarmung und waren verlegen wie Teenager. Er brachte mich bis zur Haustür. Nach diesem Vorkommnis, es war nur dieser Kuss, mehr war nicht passiert, begegneten wir uns nicht mehr. 

Heute wartete ich auf ihn. Die Ampel an der Kreuzung zeigte grün und ein Herr, gebeugt und schwer auf den Stock in der rechten Hand gestützt, wurde von einer Frau rücksichtsvoll über die Straße geführt. Schwerfällig bewegte er sich. Mein Herz begann heftig zu pochen, er war es. Die grauhaarige Frau begrüßte mich mit einem flüchtigen Neigen ihres Kopfes und ging sofort zurück. Nun stand er mir gegenüber und nahm mich in die Arme. Den Stock hielt er steif in seiner rechten Hand über meinem Rücken hoch ausgestreckt. Er musste keine Angst haben, ich hielt ihn fest umschlungen. Vertraut, als wären die Jahre spurlos an uns vorüber gegangen, benahmen wir uns und waren so alt geworden. Wir sahen uns in die Augen. Die Augen besitzen ihre eigene große Ausstrahlungskraft, viel mehr als die Lippen es je zu sagen vermögen.

Bei diesem Treffen saßen wir wie vor vielen Jahren im Kino, nebeneinander am Tisch im Gasthof und hielten uns an den Händen. Viele Worte haben wir nicht miteinander gewechselt. Wir verspürten einfach nur ein wohltuendes Beieinander und ein stummes Verstehen. Vom Treffen sei gesagt, dass von dreißig angemeldeten ehemaligen Mitklässlern gerade einmal neunzehn erschienen waren. Ich fragte mich: Wie viele werden es in den nächsten Jahren sein, die kommen können? Die Fotografin nutzte den herrlichen Sonnenschein und fotografierte drauf los, als hätte sie eine Horde junger Menschen vor sich. Sie liebte ihre Arbeit und erledigte sie mit großer Begeisterung und voller Enthusiasmus.

Ich sah auf die Uhr. Es war zwanzig Uhr als mein Nachbar seinen Stock nahm, sich von den Umsitzenden mit einem kurzen Gruß verabschiedete. Ich brachte ihn zur Eingangstür des Gasthofes. Dort erwartete ihn seine Frau. Ohne ein Wort zu sagen reichte sie ihm ihren Arm und führte in langsam über die Straße. 

Kurz danach verließ ich die Gemeinschaft ebenfalls, mit dem Versprechen, dass wir uns, zwecks einem Treffen, welches nach einer viel kürzeren Zeit wieder geschehen sollte, melden werden. Aus den unterschiedlichsten Gegenden der deutschen Heimat waren wir angereist. Das Alter hatte uns geprägt und letztendlich waren einige mit den beginnenden Alterserkrankungen konfrontiert. Aber an diesem Frühlingstag waren wir eine eng verbundene, vertraute Gemeinschaft, die für wenige Stunden Krankheiten, Probleme und Sorgen vergessen durfte, und das hatte heute jeder auf seine Weise geschafft.Allein in meine Gedanken versunken ging ich zur Pension zurück.


zurück zu "  Wir Autoren"

zurück zur Startseite