Calenberger Autorenkreis

      

Renate Folkers - Leseproben
Mein Freund
 

 Sag, wenn Du traurig bist,

 ich komme und erheitere Dich.

 Sag, wenn Du müde bist,

 ich komme und wiege Dich in den Schlaf.

 Sag, wenn Dich friert,

 ich komme und wärme Dich.

 Sag, wenn Du einsam bist,

 ich komme und umarme Dich.

 Sag, wenn Du krank bist,

 ich komme und pflege Dich.

 Sag, wenn Du sterben willst,

ich komme und halte Deine Hand.

 

Oktober 2011 (USA)

 

*  *  *

 

Von Musen und anderen Schwebstoffen

 

Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage „Wann hat die Muse mich geküsst?“ bin ich zu folgendem Ergebnis gekommen.
Aus der Antike wird die Vorstellung überliefert, dass das Denken nicht durch einen selbst geschieht, sondern von Musen eingegeben wird. Mit genialer, schöpferischer Kraft sollen sie den Maler, Schriftsteller oder Musiker inspirieren. Eine fantastische Fiktion.
Doch leben wir heute und nicht in der Antike, und der Gedanke, fremd gesteuert kommandiert zu werden, entspringt einer Welt, der ich gerade den Rücken gekehrt habe. Mit führt keine Muse einen Trichter in meinen Schädel ein!
Auch als ich vor Jahren zu schreiben begann, empfand ich nichts, das in diese Richtung zielte. Eine Muse, wie ich sie verstehe, ist vielleicht in meiner Nähe gewesen, aber geküsst? Nein! Das hätte ich gemerkt.
Zunächst war da ein Gedanke, die Idee etwas festzuhalten, niederzuschreiben, um den Nachkommen aus meinem Leben zu überliefern, was interessant, prägend, noch lebendig und es wert ist, zu Papier gebracht zu werden. Immerhin könnte ich einige bedeutende Ereignisse aus über sechs Jahrzehnten gelebtes Leben enthüllen. Von Moderatem, Spießigem, von Achterbahn fahren, auf Wolken schweben und im Unglück und in Dunkelheit sich befinden. Alles dabei, vergänglich und noch eingehüllt in den Mantel der Verschwiegenheit.
Als die Idee zu schreiben mich nicht mehr los ließ, öffnete ich den Schrank meiner Erinnerungen. Aus ihm bediente ich mich. Unsortiert plump, schulaufsatzmäßig und ohne Schliff füllten Worte leere Blätter. Das hatte wenig mit Muse zu tun. Ich war meine eigene Inspirationsquelle.
Einlassen könnte ich mich auf die amüsante Interpretation, dass meine Muse eine gute Fee ist, die mich umschwebt, wenn der Kopf leer, das Blatt voll und der Stil grottenschlecht ist. In ihrem luftig seidenen Gewand schwebt sie vor meinem geistigen Auge und mit zarter, kaum hörbarer Stimme motiviert sie mich: „Na komm, da geht doch noch was. Lies noch mal. Das Material ist gut, aber der Stil...“
In wohlwollender Weise umwirbt und beflügelt sie mich zu einer Leistung, die dem Schönen, nicht dem Unvollkommenen und Derben schmeichelt. Auf sanfte Weise verführt sie mich – musisch natürlich – ästhetisch und feinsinnig Wort zusammen zu führen. Und dann, glaube ich, küsst sie mich zuweilen. Wir werden eins und verschmelzen in dem, was neu entsteht.
In diese Gedanken verwoben stellt sich mir die Frage: „Gibt es sie etwa doch noch, die Quellnymphen der griechischen Mythologie?“ Ich glaube ja! Damals gesellten sie sich um Apoll, dem Gott der Schönen Künste. Heute umspielen und inspirieren sie zur Zeit höchster Kreativität meine Sinne. Und dann – fühle ich mich von der Muse geküsst.
Mit dieser Interpretation stimme ich dem Sinn der archaischen Überlieferung voll zu.Eine romantische Vorstellung.

 

*  *  *

 

Diese Geschichte entstand aus der Aufgabe die Wörter
KLEINER MANN MIT ROTEN HAAREN, PORTA WESTFALICA, WOLKENLOSER HIMMEL, WESER und RADDAMPFER
in einer Erzählung unterzubringen.

 

Der kleine Mann mit den roten Haaren - oder
Wie die Westfälische Pforte entstand
Ein kleiner Mann mit roten Haaren sitzt auf einem Stein in der Mittagssonne. Eine Weile hat er dem Treiben des Teufels zugeschaut. „Was führst du im Schilde, du garstiger Belzebub?“, spricht er ihn an. „Sieht aus, als säße dir ein böser Streich im Nacken. Verrate mir deinen Plan.“
„Ha, ha, ha“, hebt der Teufel mit gewaltiger Stimme an. „Ich werde den Menschen im Weser Tal einen Denkzettel verpassen, sie sind so fromm, zum Gott Erbarmen fromm! Ich werde sie lehren, was es heißt, mich, den Teufel, zu ignorieren. Damit ist es vorbei. Wahrlich, ich werde ihnen einen Denkzettel verpassen. Nur einige werden mein gigantisches Desaster überleben und die Gottesfurcht wird ihnen ausgetrieben sein, ein für alle Mal. Sie werden mich anbeten und verehren, dafür, dass ich ihnen ihr Leben ließ. Ha, ha, ha, ha!“
„Verrate mir deine Intention, du größtes aller Ungeheuer!“
„Pass auf, du kleiner Naseweis. Heute in der Dämmerung werde ich dicke Felsbrocken in den Gebirgswall bringen. Das Wasser der Weser wird sich stauen, sich ausbreiten und die Menschen und ihre Dörfer überspülen. Ha, ha, ha. Das ist die genialste Idee, die ich je hatte.“
Der kleine Mann mit den roten Haaren erschrickt zutiefst, beinahe springt ihm sein Herz aus dem Hals. Er rennt was das Zeug hält, rast im Weser Tal von Haus zu Haus und verbreitet die Schreckensnachricht unter den frommen Menschen. Diese fliehen allesamt, lassen Hab und Gut zurück und retten sich in die Gebirge. Von dort aus werden sie zusehen müssen, wie ihre Häuser in den Wassermassen versinken. Sie flehen zu Gott, er möge sich ihrer erbarmen.
Am Abend des zweiten Tages zieht ein mächtiges Gewitter auf. Das Getöse des Unwetters ängstigt die Menschen, sie glauben, ihr Ende ist gekommen. Ein gewaltiger Donnerschlag folgt dem Blitz und unter Ohren betäubendem Lärm spaltet sich das Gebirge. Die Wassermassen können abfließen und die Weser in ihr Bett zurückkehren. Die Häuser, Hügel und Felder treten aus den Fluten wieder hervor.
Auf diese Weise entstand die Westfälische Pforte.
Am nächsten Tag sitzt bei wolkenlosem Himmel ein kleiner Mann mit roten Haaren lächelnd am Fluss. Auf der Weser schnaubt der Raddampfer Richtung Porta Westfalica.