Calenberger Autorenkreis

      





Prosatexte und Gedichte von Uwe Märtens



Dem Strand zu Füßen liegt das Meer

 

Dem Strand zu Füßen liegt das Meer

Da fallen die Wellen übereinander her

Die Sonne prahlt von überall mit Licht

Ganz heiß und hell lässt sie uns grüßen

 

Die Menschen liegen dicht an dicht

Als würden Badetücher sprießen

wird der Strand laufend neu kartiert

Ein Chaos menschlichen Gewimmels

Das sich wie der Sand stets neu formiert

 

Im Schatten sind´s fast dreißig Grad

Der Mensch ergötzt sich am Getümmel

Es fehlt nicht viel, bis irgendwas

Sich gleich auch noch von selbst entzündet

Drum nimmt ein jeder Mal ein Bad

Wirft sich – platsch – ins begehrte Nass

Wo die Frisur sich neu erfindet

 

Dem Strand zu Füßen liegt das Meer

Ein Oberteil liegt herrenlos und leer

In grellem Pink auf hellem Sand

Sein Gegenteil prahlt nah dabei

Ein Mann bemüht sich um Verstand

Doch die Hormone dominant

Macht sich Verstand davon und frei

Gedanken blühen, stolpern, lenken

Und die, die denken nichts dabei

 

Sie sieht erschrocken was er denkt

Und appelliert: besinn er sich!

Sein Geist inzwischen erodiert

Was viel zu nah ihn zu ihr drängt

Er lässt nicht nach, er übertreibt

Weshalb ihr nichts anderes übrigbleibt

 

Dem Strand zu Füßen liegt das Meer

 

ein Mann liegt frisch gestreckt am Strand

In hellem Blass

auf hellem Sand

 

 

Die unbewusste Einrichtung

 

Ich zeige

Nach da

Darauf, dorthin

Schüttle den Kopf

Und schrei

Stumm

Aus mir heraus

 

Goldfischgesicht

Mund-auf-Mund-zu

 

SCHWARZ AUF WEISS

Geht eine Meinung um

Auf mich zu

Bleibt an den Zeigefingern

Den Ausgestreckten

Hängen, fällt zurück.

 

An jedem Tag Erwarten

Dass andere

Die Beine in die Hand nehmen

Und gegen die Schar an Zeigefingern

Anlauf nimmt

Das

Erwartet ernsthaft niemand von

Den Fingerzeigern

 

Sich gängigen Meinungen und deren Machern

Entziehen, hieße

In den Spiegel sehen

Da dasselbe zu sagen

Hieße wo möglich Verzicht

Hieße, den selbstgemachten Alltag widerrufen

 

Weil die Zeigefinger

Aber

Wegzeigen

Nach da, darauf und dorthin

Zeigen sie im Zweifel auf ihr Recht

Nehmen sich reichlich und willkürlich

Aus irgendwelchen Schubladen

Aus verstaubter Erinnerung

 

Versuchen sich da

Am Jenseits der eigenen Pflichten

 

Und gehen bei einem Anflug

Ernsthafter Besorgnis

Alltagstauglich zum Arzt

Der, so auf Abstand gehalten,

Anspannungen nicht lösen kann

 

Nachvollziehbar

Dass auch danach die Möglichkeit

Ein ganzes Land fasse sich an die Nase

An die Eigene

Ein erstes Mal, nur als Versuch

 

Scheitern muss

Stattdessen: Anzeigen und Gegenanzeigen

Goldfischgesichter

Münder-auf-Münder-zu

Dazwischen lauthals

Gerede und dabei

Nichts Neues

 

Ein Kribbeln im Zeigefinger

Wird unbewusst unbequem

Verdrängt sich und sucht selbstverständlich

In der Menge ein

Da!

Da ist irgendwo jemand

Verantwortlich!

 

 

Verlorene Spiele

 

Ein Rotkehlchen spielte einst mit einer Katze,

es trällerte im Anflug nahe dem Gras,

entflog dann ganz knapp nur der Tatze.

Immer wieder

und wieder

erzählt davon nun die Katze

 

Atomstrompreise gefallen und fallen in die engere Wahl,

beschönigt und um die Zukunft gemindert. Es ist uns egal.

Castoren verbergen bedrückend ehrlich Endlichkeit:

Für fünfhundert Generation versteckte Verstrahlung.

Vergeblich verfängt sich darin die Frage, die stetig auch Klage:

Reicht dies nicht als Mahnung?

 

Ein erschrecktes Gefühl übt sich an Zeit.

Unvorstellbares sucht ein gültiges Maß.

Übt sich an einer Bombe, die tickt

immer wieder

und wieder

ein Gefühl, das erschrickt.

 

Ich verstehe uns Rotkehlchen nicht.

 

Bilder ohne Ausstellung

 

Ein Maler zeichnet auf Papier

Des Lebens werdendes Verwesen

Die Bilder sind sehr ausdrucksstark

Sind nicht en vogue, nicht nachgefragt

Drum schreib ich drüber … hier zu lesen:

 

(erstes Bild) Mehrweglagerer

Mit Bedacht verstauen wir Plastikflaschen

Zum Receyclen in extragroßen Plastiktaschen

Auch jede Gelegenheit mal zu naschen

Ist mehrfach umverpackt

Verpackungsmüll wird später dann

In Nanogröße klein zerhackt

Und kehrt alsbald schon irgendwann

Zu uns zurück im Wasser in den Plastikflaschen

Das so bedingt nur reingewaschen

Und geht direkt ins Blut

 

Ach, geht es uns gut!

 

Grund genug sich mit Süßigkeiten zu belohnen

Die, wie gesagt, irgendwo im Plastik wohnen

Wir nehmen sie aus Kunststofftüten

Auch manchmal solche zum Verhüten

 

Ach, geht es uns gut!

 

Und der, der es aufzeichnet, zurechtrückt, zerschneidet, in ein Bildnis schmückt

Mal ganz ehrlich, wer ist hier verrückt?

 

(zweites Bild) Zeitverschwenkt

 

Wir strahlen was aus, denken wir an Grohnde und das Ass von allen Ässen

Wo an Fässern prall gefüllt sich die Zeiten wie besessen durchgefressen

Die Mehrheit, zu ihrem Anteil daran mal befragt, sagt, sie wär es nicht gewesen

Verantwortung ist eine Krankheit, von der sehr viele schnell genesen

Die Asse steht als Synonym dafür wie wir das Leben leben

Der Mensch erfährt sich, entfernt sich, blendet ein und blendet aus

Gerad so, wie er es braucht und glaubt nichts könne ihm das Schweben nehmen

 

Ach, geht es uns gut!

Und der, der es aufzeichnet, zurechtrückt, zerschneidet, in ein Bildnis schmückt

Mal ganz ehrlich, wer ist hier verrückt?

 

(drittes Bild) Natürlich natürlich

 

Wilde Bienen, haben Sie das gewusst, gibt es auch

Die bestäuben Blüte für Blüte nach höherem Plan wie nebenbei

Wilde Bienen, wissen Sie auch dies, Sterben aus

Die menschliche Natur macht sich von Schönheit und Vielfalt ganz frei

 

Der Bienenstich, der sticht dich nicht

Das Blütenmeer in Feld und Flur

Ist nicht mehr da

 

Du denkst „Natur“

Pflückst du nicht mehr am Wegesrand

Was früher dort noch prall mal stand

Und kaufst den Strauß aus Afrika

Und Afrika – weiß jedes Kind – Afrika ist wunderbar

 

Ach geht es uns gut!

 

(viertes Bild) Aus den Augen, aus dem Sinn

 

In der Dritten Welt verklappt Europa sein vergängliches Glück

Elektroschrott brennt in Ghana, Kinder mühen sich um jedes Stück

Unter Einsatz ihrer Leben frönt dort der Tod

Unendliche Not verdampft sich im Abendrot

Zeichnet da ein ungewohntes Bild der Unterwelt

Aus der Distanz werden Werte völlig ungeniert

Schamlos um alles Menschliche reduziert

Nur weil Vermögen sich nicht ziert, nach mehr, noch mehr und mehr Geld

giert

 

Ach geht es uns gut!

 

(fünftes Bild) Erfahren in fernen Umlaufbahnen

Einschaltquoten beherrschen die Welt

Menschen beherrschen die Einschaltquoten

Sehnsucht erfüllt gehorsam abendfüllende Zoten

In ihrer Einfalt beständig gefordert

Wurde längst das Bezahlfernsehen geordert

Schalten ein, um abzuschalten

Verwalten das Sein im Innehalten

Ein Seufzer denkt, ach wär´s nur das

Na, das ist doch was!

 

(sechstes Bild) Hilfe, nicht immer ein Trost

Entwicklungshilfe ist oft von teuflischer Gestalt

Industrien helfen manches Mal mit Waffengewalt

Oder vermarkten diese, wo die Welt scheinbar ohne Orientierung

Ganz selbstlos als Erhöhung, als Sublimierung

So in die Zukunft gesehen

Von Kleinaktionär zu Kleinaktionär

Schaut jeder für sich und vor allem, wie die Aktien stehen

Wer erwartet noch mehr

 

Ach geht es uns gut!

 

(siebtes und letztes Bild) Im Stimmengewirr der Äußerlichkeiten

Der Konsument geht auf im Trend

Von Castinshow zu Casting-„Schau“

Nicht vergessen: Bauer sucht Frau

Von da nach dort, man rennt und rennt

Ohne die blasseste Ahnung, ohne jede Gegenwehr

Dem letzten Schrei gern hinterher

 

Wir könnten´s besser wissen

Da hinter den Kulissen

Kennt man ihr Psychogram

Man mutet Ihnen zu, was man Ihnen zumuten kann

Die Werbung und Sie, alles ferngesteuert

Seichte Kost mal wieder wieder mal gekäuert

 

Weil die Masse sich Bequemlichkeiten hemmungslos verschreibt

wird so Zeitvertreib an Zeitvertreib zum Zeitvertreib endlos aneinanderreiht

 

Wir haben es ja, wir zahlen so gern

Und reisen gern auch bildungsfern

Nicht weiter als zum Horizont

Man weiß ja nie, wer da noch wohnt

 

Und der, der es aufzeichnet, zurechtrückt, zerschneidet, in ein Bildnis schmückt

Mal ganz ehrlich, wer ist hier verrückt?

 

Der Künstler meint er wär verrückt

Nimmt er die Zeit, die einfach tickt

Zum Zeitvertreib in sein Geschick

Und malt sie aus mit Gegenwart

 

Ja, das ist hart

 

Und ganz ehrlich, diese Bilder, die Schilder sind

Die sind noch nicht gemalt

Weil niemand dafür bezahlt 

Niemand sieht den Aufschrei, die Wut

 

Ach, geht es uns gut!

 

Fünf vor zwölf

Um fünf vor zwölf sind die Uhren stehen geblieben
Es eilten die Blicke zu den Weltzeituhren
Und sie erlaubten keine Zeitkorrekturen
Weltweit wurde fünf vor zwölf beschieden

Gemeinsam beschrieben Sie die Ziele konkret
Beschrieben wie man es angeht
Die Zeit festzuhalten, wie man die Zeit zurückgedreht
Noch wäre Zeit und es noch nicht zu spät

Sie reden gegen den Uhrzeigersinn
Vereint wollen Sie die Zeit anhalten
Ein wenig Umwelt den Menschen erhalten
doch jene hören und sehen nicht hin

Um fünf vor zwölf, weltweit exakt zu dieser Zeit
wurde diese vielen schnell Vergangenheit
Weil Zeit nicht still steht, einfach weiter eilt
das ist im Sekundentakt geeichte Sicherheit

Wo Bulldozer in Massen stationiert

Wo Paläste wachsen mit Palmölplantagen

Ist eine große Sanduhr installiert

Da wird Leben um Leben zu Grabe getragen

 

 

 

Ein letzter Atem – Zug                                                                           

Weiß, der gefrorene Nebel

Der Zweige kalt umschließt

Grau, die verklärte Seele

Ein Tumor, der an ihr frisst

Rot, wie bemalte Fassade

Leuchtende Himmel flehen

Farblos passierte gerade

Von vielen Augen gesehen

Im wirren Spiel keiner Farbe

Etwas das tödlich beinah             

 

Sprachlos zittern die Zweige

Die sich nach Sonne so sehnen

Wortkarg denkst du vermeide

Das blühende Treiben der Tränen

Stumm jubelt ein Bild in der Szene

Die sich noch stärker vereint

Wortreich ist ihre Häme

Wo sich das Böse mit Bösen vereint

Bejubelt wird auf den Gängen

In den Blüten, die man sich warf

Ein Galgen mit schönen Gesängen

Ansonsten gibt man sich brav                

 

Die Gruppe genießt es zu warten

Für sie blüht ein herrlicher Garten

Sind alle bei Namen bekannt

Dein Name aber, nur der wird genannt

 

Unter der Brücke am Bahndamm

Eilende reisen in Zügen

Andere nur irgendwann

Einfach so zum Vergnügen

Scheinbar wie Kometen durchs All

Auf der Brücke vereint sich im Nebel

Unfreies Atmen mit unfreiem Fall

Begleitet vom Beifall des Pöbel

 

Ein Sturz, ein Fall, vielleicht ein Flug

Ein letzter Atem

Zug

 

 

 

Ein Goldfisch im Glas

Darf nicht springen

 

Bei Tag

Tastet er sich wie

Ein Blinder vor,

 

den Blick gesenkt,

beinahe bittend,

ihn nicht anzusehen

 

und zugleich suchend,

nur nach was,

dies ahnt er nur verschwommen.

 

Der Halt: eine Dose Bier.

 

Ein gesenkter Blick

Und da mal ein Hoffen,

ein Sehnen,

ein Traum vielleicht

„hätte doch …“

Und „wenn …“

Klirrt und knarrt die Stimme

 

Aber bereits vor diesem Anlass

Mal zu lächeln,

greift die Hand

und spült nach.

 

Hoffnungslos zwischen

Kohlensäure und Tränen

Und hilflosem Lachen

Zitiert er sich selbst

Und eine seiner vielen Wahrheiten:

 

Wege nehmen nicht an die Hand,

nehmen nicht mit, sind keine Möglichkeit,

nur eine Straße.

Ein Weg ist kein Ziel.

Da wäre nichts, das sich anzufangen lohnt.

Schon die eigene Wohnung

Wäre nur zustellbare Anschrift

Für unmöglich erfüllbare Mahnungen

Und neue und alte Lasten.

 

Dann sehe ich dich zitternd vor der Arztpraxis

Stehen.

„Methadon“ fiebert dein Körper

Und die Dosis steigt.

 

Ich sehe einen Goldfisch im Glas,

der

dreht seine Kreise

bleibt mal kurz stehen,

öffnet den Mund,

verliert ein paar Bläschen

wendet sich sofort wieder ab,

um dann

weiter durchzudrehen.

Ich sehe nur einen Goldfisch im Glas.


Wir schaffen das - oder: Wenn das Hinterfragen fragwürdig wird

Wer ist „Wir“? Ist das das „Wir“ das auch Papst ist und Weltmeister sowieso?
Weiß das gemeinte „Wir“ von seinem Betroffen-Sein?
Sind die wir`s die, die die gemeinten Wir´s sind?
Ist das gemeinte „Wir“ wirr verwirrt?
Ist es wo möglich ein gemeintes „ihr“?
Bist du es gar, der gerade nicht mehr Papst ist?
Bist du es gar, dessen Weltmeisterschaft vielleicht doch gekauft war?
Wer bist Du?
Bist Du Teil der gemeinten Gemeinschaft, die das „Wir“  ist?
Bist Du Teil einer Gemeinschaft?
Bist Du?

Das schafft einen und jeden, das schafft einen jeden!
Obwohl wir schon einiges geschafft haben,
Griechenland zum Beispiel
Die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch
Afrika haben wir auch geschafft
Abgasskandale
Die Erderwärmung
Um nur einiges zu nennen, das wir geschafft haben
Und nebenbei auch noch: schaffe, schaffe Häusle baue
Das schaffen wir auch

Das „das“ in dem Satz, was meint dieses das?
Das „das“ scheint ein „die“
Die Herausforderung vielleicht
Oder ist das „das“ doch ein das?
Das Problem
Das obwohl dieses  „das“ im Wortschatz
Längst als Krise verankert ist,
Also doch ein „die“?

Da spürbar das „wir“ ein „ihr“ meint,
In dem das Wir ohne Steuerrad herumirrt
Und das „das“ ein „die“ zu sein scheint
Da weiß ich nicht mehr ein noch aus
Davon inspiriert
Zeigt sich die halbe Welt verwirrt
Es platzt aus ihr heraus:
„Wir schaffen das“
Das schafft mich.


Pegida oder  Klaus' Weg aus der Einsamkeit

An irgendeinem Sonntag, der so wie viele Sonntage war, trist und, davon war Klaus überzeugt, zum Glück schnell ein Tag „von gestern“ wurde, passierte es wieder. Mit  Sandra war er inzwischen schon über drei Jahre zusammen und hoffte inständig, ihre Sicht auf diese Sonntage wäre die gleiche wie seine: diese Tage sind Vergangenheit. Mehr nicht und basta.

Bis vor wenigen Wochen hatte er das, was Sandra bedrückte nie wirklich ernst genommen und auch nicht, dass es da schon seit langem etwas geben könnte, das mit ihm zu habe. Er sah sich als normal. Als Mann als normalster Mann und hatte auch keine Veranlassung daran zu zweifeln, aber seit einigen Wochen trieben seine Gedanken scheinbar völlig ungebremst immer wieder auf das Thema zu.

An wie vielen Sonntagen hatte Sandra ihn im frühen Dämmerlicht im Bett so angesehen, als wollte sie ihm schon vor seinen wenigen Liebkosungen sagen, „wenn du es ernst meinst, O.k. Wenn nein, dann lasse es doch bitte gleich“. Er wusste es nicht, gezählt hatte er ja nicht, aber es waren inzwischen viele Sonntage gewesen.  Während er sich ganz ernsthaft vormachte und auch überzeugt davon war, Sie zu stimulieren und sie zu befriedigen, wusste er doch sehr genau, es ging um seine Befriedigung, es ging um ihn. Dafür wollte er sich auch die nötige Zeit nehmen, daran sollte es nun wirklich nicht scheitern, dachte er. „Zeit haben wir ja genug“ lächelte er die Wand an und suchte den Wecker. Ja, er schaute mit der ersten kleinen Liebkosung zur Uhr, immer wieder prüfend zur Uhr. Dann aus dem Fenster, dann in ihr Gesicht. Er sah, sie ist nicht bei der Sache. Sollte er abbrechen? Aber wie würde ihm das wieder ausgelegt werden? Er konnte es nicht einschätzen. „Brich die Aktion ab“, sagte es in seinem Innern, derweil er weiter sein Becken  monoton vor und zurück bewegte. Immer wieder der kontrollierende Blick zur Uhr und plötzlich „Befreiung, das Leben so nah am Tod“ waren Worte, die er sich erdachte, nur um irgendwas zu sich zu sagen zu können, das ihm zur Situation passend schien.  Er ordnete dem Sex zwischen sich und Sandra das Wort „Akt“ zu. Damit  machte er Sexualität zu einer Art Formalie und stellte für sich klar, dass es dabei nur um sein  Sexualleben ging, nicht um ein gemeinsames. Zu Sandra sagte er schon lange nichts mehr, auch nicht nach dem Sex. „Und was ist schon Zeit?“ warf er lautlos in den Raum und von einem lauten Seufzer begleitet sich selbst zurück in die Kissen.

„Zwei Minuten 14“ hörte Klaus Sandras Stimme tonlos sagen und wusste, er hatte die Zeit zu nehmen vergessen. Gesprochen hatten sie aber noch nie darüber, geschweige denn verabredet, mal die Zeit zu stoppen. Ab wann überhaupt sollte man die Zeit nehmen? Ganz ohne Vorbereitung geht es ja nun mal nicht, überlegte Klaus.

Er dachte, es ist egal was ich denke, warf ihr während er das Bettzeug mit hastigem Schwung zurückwarf einen vorwurfsvollen Blick zu, zog sich an und verlies eilig die Wohnung, das Haus, am liebsten die Stadt und das Land. Raus, er nahm seinen alten Golf und fuhr an die Elbe. Es war kalt. Er dachte daran, wie es im Sommer hier ist: Boote mit Touristen fahren auf und ab. Millionen von Fotografien jeden Tag. Milliarden Pixel sammeln sich in einem Nichts in einer Plastikkiste und werden nie wieder gesehen.  Aber heute ist Anfang Dezember, es ist kein Boot zu sehen, keine Touristen, nur Kevin zwischen Maulwurfhaufen im satten Grün der Uferböschung.  „PC müsste PK heißen: Plastikkiste“  schrie er den in seiner Phantasie auf der Elbe fahrenden Schiffen entgegen. Den hübschen Joggerinnen aus der kalten Wirklichkeit warf er wütende Blicke entgegen, wobei er dachte, dass er auf sie wütend wirken musste. Die Joggerinnen sahen ihn gar nicht. Die wollten laufen, sonst nichts.  Die Sonne blinzelte durch die Bäume und rief den Villen am Ufer zu: Guten Morgen! Nach und nach gingen die Rollos hoch, am Ufer gingen Liebespaare eng verschlungen mit Brötchen-Tüten mal in den Kapuzenmützen oder  von zwei sich suchenden Händen gehalten und überall dieses Rascheln im Rhythmus der Schritte.

Er sah die Männer an, die ihm allesamt zufrieden und glücklich erschienen. Andere hätte er jetzt auch gar nicht gesehen, und rief jedem mit diesem Sandra-Blick zu „zwei Minuten 14“ und nickte ein „ja“ hinterher und ging weiter. Das Rascheln der Papiertüte mit den Brötchen verstummte meist einen Augenblick, dann verständnisloses Abwinken und wieder rhythmisches Rascheln.

Dann weitere Fluchtversuche mit dem Auto. Nach Stunden zielloser Fahrt war er wieder zu Haus angekommen, legte die Brötchen, es muss inzwischen schon um die Mittagszeit gewesen sein, auf das Schränkchen im Flur und rief von da aus ins Bad hinein: „Hast Du schon Kaffee gekocht? Ich habe Brötchen mitgebracht und einen Croissant für Dich Scha-atz“. Aus dem Wohnzimmer erwiderte eine kalte Stimme kurz „nein.“

Der Rest des Tages stures Blicken geradeaus in den Fernseher, zwischendurch Fastfood und irgendwann Umsteigen ins Bett. 23 Uhr, das war Sandras Zeit, dann schlief sie fast immer tief und fest. Klaus wartete noch einige Minuten und schlich sich dann leis in sein Arbeitszimmer. Zuerst verdunkelte er das Zimmer. Es sollte kein Blick von außen auf das was er tun wollte möglich sein. Danach Einschalten des PC und ein Spiel Solitär nach dem nächsten.  

Als er die Worte „vorzeitige Ejakulation“, die Sandra Klaus an jenem Tag als einzige Worte beim Frühstück zuwarf in der Nacht ganz vorsichtig und leise den Tasten zuordnete  war es kurz nach drei Uhr früh.  Egal, was er darüber las, all das konnte nicht die Wahrheit sein.  Wenn doch, dann läge es nur an ihm. Aber das wäre keine Feststellung, die irgendwie helfen konnte, da war er sich sicher. Nach der Arbeit am Montag fiel er mit einem Schritt aus dem Bürogebäude direkt in die Demonstration der Pegida-Bewegung. „Lügenpresse, Lügenpresse“ und andere Parolen bestätigten seine Annahme, dass auch Suchmaschinen nichts anderes als die Ansammlung von Artikeln der Lügenpresse sind und bestätigten ihn, in seiner Meinung, nämlich, dass mit ihm alles in bester Ordnung ist.  

Bei der nächsten Montagsdemo hatte er geradeheraus andere Männer befragt, ob sie schon was davon gehört hätten, also von der vorzeitigen Ejakulation und erhielt für seinen Humor, wie den anderen seine Frage erschien, lauten Beifall, Schulterklopfen und Wahrnehmung. Das war der größte Mangel:  wahrgenommen  werden, irgendwie mittendrinn sein, irgendwie noch leben außerhalb von Fernsehen und Fastfood-Ketten.  

Er hatte Freunde gefunden. „Alles meine Freunde!“ rief er Sandra zu, die es nach Klaus Erzählungen „endlich darf man wieder sagen, was man denkt“ dann auch vom Sofa riss und die es  inzwischen auch „irgendwie cool“ fand, mit so einer Masse mitzugehen. Was Klaus denkt, das wusste sie aber immer noch nicht. Und dennoch waren die Montage eine Erlösung, ein Weg weg von der Sprachlosigkeit.


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