Calenberger Autorenkreis

      




Prosatexte und Gedichte von Wilhelm Stenzel

 



Auf der Intensivstation

Hier die Bewegung, dort die Stille,
ein geräuschloses Echo durchwandert den Raumö
Hier sind Gedanken in endloser Fülle,
dort ist die Leere ein entblätterter Baum

Bin ich ein Seher, ein Magier der Worte,
wer führt mir im Traume die zitternde Hand?
Wer schürt meinen Zorn, meine heimlichen Ängste
Was sagt mein Gefühl mir, was mein Verstand?

Hier wirkt das Trauma, dort ein Erschrecken,
mir ist, als verkoche mein pulsendes Blut.
An diesem Abend überragen Minuten Jahrzehnte.
Was bringt mir der Morgen, wird alles gut?

Nachts: Blutabnahme, Infusionen… in Intervallen.
Kontrollen, Fragen, Notizen, rund um die Uhr.
Die leise Bewegung, die geräuschvolle Stille:
Ist das alles die Wahrheit – oder träume ich nur?

*  *  *  *  *

Zum Abschied  (in memoriam Usch)

O Sehnsucht, O Heimweh,
wir – unsichtbar in eurem Schatten,
die Füße, in einem Traum,
die Hände, an seinem Saum:
fassen – was nicht zu fassen,
kleiden – was nicht zu verlassen,
vornübergebeugt,
in Worte…
Und geben zurück,
was dein ist, o Glück:
„Das Leben“,
das keinem für immer gegeben.
Und fordern dafür: Die Liebe,
die mehr ist, als jedes Wort,
mehr als jegliche Zeit:
Von nun an,
bis in Ewigkeit.

*  *  *  *  * 

Vergiss es nicht

Wenn du hochbetagt beim Wein sitzt,
und dein Glas ist noch nicht leer,
dann erwarte nicht die Neige
und dann sinne auch nicht mehr.
Führe einfach deine Lippen
an das halb geleerte Glas,
denn der allerletzte Tropfen
ist noch immer mehr als das,
was dein Sein samt seinen Träumen
dir zu schenken war bereit.

Wie das Glas, das wir erheben,
ist der Rest in jedem Leben,
ob Wahn, ob Wunsch, ob Wirklichkeit,
stets das kostbarste der Zeit.

*  *  *  *  * 


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